Übersicht
Schulleitung
Kontakt
Über Alexander von Humboldt
Außerunterrichtliches Angebot
Infos für Eltern
Patenkinder aus der dritten Welt
125-Jahr-Feier
Förderverein
Kurzchronologie
Schulchronik
Oberschülerprozess
Anfahrtsskizze
Gästebuch
Newsletter
Impressum
|
 |
Der Oberschülerprozess
Der Anlass, die Tat
Werdauer Schüler der Alexander-von-Humboldt-Schule gründen
1950 eine "Interessengemeinschaft Karl-May".
Kriminalromane, Jugendbücher u.a., die inzwischen offiziell
aus den Bibliotheken entfernt worden waren, wurden
untereinander ausgetauscht und weitergegeben. Aus eigenen
Erleben und durch Informationen aus ihrem Bekanntenkreis
beziehen einige Schüler zunehmend kritisch Stellung zu dem
sich etablierenden DDR-Regime und dem stalinistischen Terror.
Auf anfänglichen Diskussionen folgen auch Taten: "Wir
haben Flugblätter verteilt und geklebt, insbesondere gegen
die Volkskammerwahl 1950, haben zum Widerstand gegen das
SED-Regime aufgerufen und haben gegen das Todesurteil gegen
Hermann Josef Flade protestiert", berichtet Achim Beyer
vor der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte
und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" im Jahre
1993. Man beginnt Flugblätter herzustellen und zu verteilen.
Man will informieren und sich nicht willenlos unterordnen.
Kritisch gegenüber Bestehenden zu sein, ist eine
"Grundtugend" jeder heranwachsenden Generation.
Anstelle eines Dialoges schlägt das SED-Regime brutal und
erbarmungslos zu. Alle 19 Beteiligten werden im Mai 1951
verhaftet und am 03.10.1951 vor Gericht gestellt und so
mundtot gemacht. |
 |
Der Prozess
Nach monatelangen Verhören durch Mitarbeiter der Staatssicherheit
mit Dunkelhaft, Isolierung und psychischer Folter kommt es zur
Verhandlung. Sie dauerte ganze 20 Stunden. Die Öffentlichkeit war
ausgeschlossen. Die Angeklagten standen allein mit ihren 4
Pflichtverteidigern den Häschern gegenüber. Die Absicht, einen
politischen Abschreckungsprozess gegen diese jungen Menschen zu
führen, geht aus der Anklageschrift deutlich hervor. Der
Staatsanwalt Dr. Piehl, genannt die "Bestie", formuliert:
"In der Zeit,
wo die gesamten fortschrittlichen Kräfte in der Deutschen
Demokratischen Republik am Werk waren, die Oktoberwahlen zu einem
vollen Erfolg zuführen, in der Zeit, wo unsere Aktivisten durch
besondere Leistungen den Lebensstandard der gesamten Bevölkerung
verbesserten und unsere fortschrittliche Jugend an diesem Werk
tatkräftig mitarbeitete, haben alle Angeschuldigten sich eines der
schwersten Verbrechen schuldig gemacht. Im Auftrag der
imperialistischen Kriegstreiber haben sie durch ihre
verbrecherischen Machenschaften versucht, die feste demokratische
Ordnung des antifaschistisch-demokratischen Blockes ins Wanken zu
bringen,..."

Ort des Geschehens: Alexander-von-Humboldt-Schule,
heute Gymnasium II. |
Eine reelle Verteidigungschance bestand zu
keiner Zeit. Die jungen Menschen blieben bis zum Schluss
unbeugsam. Der Mitangeklagte J. Gabler schloss seine
Verteidigungsrede mit den Worten: "Ich bin stolz
darauf, für die Freiheit gekämpft zu haben."
Interessanterweise wurde dieser
"Abschreckungsprozess" in den DDR-Medien
totgeschwiegen. Von offizieller Seite wurde alles unternommen,
um Informationen über und Proteste gegen diesen Prozess zu
unterbinden.
Zu dem Zeitpunkt, als der Sender RIAS über diesen Prozess
berichtete, wurde in der Stadt Werdau der Strom abgeschalten.
|
Am 2. Dezember 1951 berichtet "Der Stern" in einer
ausführlichen Reportage, die mit "130 Jahre Zuchthaus
für 19 Schüler aus Werdau in der Sowjetzone"
überschrieben ist, über die Geschehnisse.
Alle 19 mussten ihre Haftstrafen antreten. Erst im Jahre 1956
wurden die letzten Inhaftierten freigelassen. Ihrer Illusionen
und ihrer Jugend beraubt, verließen die meisten die DDR und
schufen sich eine neue Existenz in der BRD. |
|
Jede Gesellschaft wird auch danach
beurteilt, wie sie Ihre Gegner beurteilt.
W. Janka |
|
Das Urteil
Bereits am 13. Juni 1951 wurden die Schüler auf "Beschluss
der Konferenz des Lehrerkollegiums" von der Schule
ausgeschlossen. Die Zeugnisse werden einbehalten.
Das Gericht verhängte folgende Strafen:
| Joachim Gäbler, |
17 Jahre, |
15 Jahre Zuchthaus |
| Karl Heinz Eckardt, |
16 Jahre, |
14 Jahre Zuchthaus |
| Gerhard Schneider, |
19 Jahre, |
13 Jahre Zuchthaus |
| Theobald Körner |
18 Jahre, |
10 Jahre Zuchthaus |
| Sigrid Roth, |
17 Jahre, |
12 Jahre Zuchthaus |
| Heinz Rasch, |
18 Jahre, |
10 Jahre Zuchthaus |
| Hermann Krauß, |
18 Jahre, |
6 Jahre Zuchthaus |
| Achim Beyer, |
19 Jahre, |
8 Jahre Zuchthaus |
| Gerhard Büttner, |
16 Jahre, |
6 Jahre Zuchthaus |
| Gottfried Karg, |
18 Jahre, |
5 Jahre Zuchthaus |
| Siegfried Müller, |
19 Jahre, |
5 Jahre Zuchthaus |
| Günter Fritzsche, |
17 Jahre, |
7 Jahre Zuchthaus |
| Gudrun Pleyer. |
17 Jahre, |
2 Jahre Zuchthaus |
| Edgar Göldner, |
17 Jahre, |
2 Jahre Zuchthaus |
| Manfred Stets, |
24 Jahre, |
3 Jahre Zuchthaus |
| Günther Kahler, |
17 Jahre, |
3 Jahre Zuchthaus |
| Anneliese Stets, |
25 Jahre, |
2 Jahre Zuchthaus |
| Wolfram Schürer, |
18 Jahre, |
2 Jahre Zuchthaus |
| Walter Daßler, |
31 Jahre, |
5 Jahre Zuchthaus |
Außerdem "Sippenhaft" für die Angehörigen
Familie Roth verliert zeitweise ihr Gartengrundstück.
Frau Gabler verliert die Wohnung.
Herr Beyer wird beruflich diskriminiert.
Frau Fritzsche wird zeitweise die OdF-Rente gestrichen.
Gegen diesen Prozess scheint es Bedenken bis in die erste
Führungsebene der SED gegeben zu haben. Auf Weisung des damaligen
Ministerpräsidenten Otto Grotewohl wurde der Abteilungsleiter
Böhme des Justizministeriums nach Zwickau geschickt, um die
Aussetzung des Urteils zu veranlassen. Er kam zu spät...
Quellen:
Achim Beyer (Zeitzeuge): In: Materialien der Enquete-Kommission
"Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in
Deutschland"
(12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), hrsg. vom Deutschen
Bundestag,
Band IV, 243-251
Der Stern 4, Jg. Heft 48 vom 2. Dezember 1951
Archivakten des Gymnasiums in Werdau
Redaktion: H.-J. Beier, Stadt- und Dampfmaschinenmuseum
[Seitenanfang]
|
|