Übersicht
Schulleitung
Kontakt
Über Alexander von Humboldt
Außerunterrichtliches Angebot
Infos für Eltern
Patenkinder aus der dritten Welt
125-Jahr-Feier
Förderverein
Kurzchronologie
Schulchronik
Oberschülerprozess
Anfahrtsskizze
Gästebuch
Newsletter
Impressum
|
 |
Vollständige Schulchronik
Vorbemerkung
Die Geschichte einer Schule ist nicht schreibbar ohne die Geschichte
der Stadt, aus der sie erwächst, die Geschichte der Stadt ist nicht
verstehbar ohne die Geschichte des Territoriums, auf dem sie besteht, die
Geschichte dieses Territoriums ist nicht vorstellbar ohne die des Staates,
zu dem es gehört. Daher muss eine Beschäftigung mit der Entwicklung des
heutigen Werdauer Gymnasiums zwangsläufig eingebettet sein in regionale
und nationale, ja z.T. auch internationale Entwicklungen der letzten 125
Jahre. Dabei kann es nicht darum gehen, eine wissenschaftlich fundierte
Arbeit vorzulegen, da sowohl Quellenlage als auch die zur Verfügung
stehende Zeit dies nicht zulassen. Andererseits soll es auch nicht
Anliegen dieser Darstellung sein, eine rein heimatgeschichtliche
Würdigung der höheren Schulbildung der Stadt Werdau zu liefern.
Das Ergebnis verschiedenster Recherchen kann nur der Versuch eines groben
Umrisses einer allgemein verständlichen Schulgeschichte sein, der
zwangsläufig lücken- und fehlerhaft bleiben muss. Dies vor allem, da
einerseits in den Jahren der DDR Regionalgeschichte lange Zeit
vernachlässigt wurde und die Aktenbestände teilweise noch nicht
zugänglich sind, andererseits aber jede Form derartiger historischer
Arbeiten in allen zurückliegenden Gesellschaftssystemen mehr oder weniger
instrumentalisiert wurde und so eine annähernd objektive und kritische
Darstellung kaum möglich war.
Die jetzt vorgelegte Schulchronik stellt also einen ersten
Gesamtüberblick von der ehemaligen Werdauer Realschule zum heutigen
Gymnasium dar und richtet sich an die breite Zahl derjenigen, die sich der
Schule verbunden fühlen bzw. Interesse an der Geschichte Werdaus haben.
Wenn von einem Gesamtüberblick die Rede ist, so heißt das auch, dass auf
einzelne Ereignisse der 125-jährigen Schulgeschichte, besonders da, wo
diese an anderer Stelle bereits ausführlich dokumentiert sind, wie z.B.
die Ereignisse um den Werdauer Schülerprozess von 1951, nicht näher
eingegangen wird. Im Interesse allgemeiner Verständlichkeit und
Überschaubarkeit wurde auf konkrete Quellenangaben ebenso verzichtet wie
auf ausführlicheres statistisches Material. Interessierte Leser können
sich darüber in den relativ begrenzten und zugänglichen Aktenbeständen
des Stadtarchivs oder auch im Kreisarchiv sowie im Heimatmuseum
informieren. Allen Mitarbeitern dieser Einrichtungen sei hier für ihre
Hilfe bei der Materialbeschaffung ausdrücklich gedankt. Ganz besonders
trifft dies auf Frau Bauer vom Stadtarchiv zu. Darüber hinaus gebührt
Herrn Wohlrabe aus Leubnitz für wertvolle Hinweise zur Schulgeschichte in
den 40er Jahren und dem Schüler des Gymnasiums Matthias Anders für seine
Mitarbeit an der Recherche im Rahmen eines Leistungskurses Geschichte
Dank.
Werdau, im Frühjahr 2000
Werner Seifert
|
 |
|
 |
|
Jubiläumskarte zum 25jährigen
Be-
stehen der Realschule Werdau (1900 )
|
|
Werdau i. S. - Schloßplatz mit
Realschule
|
"Mit Gott für Kaiser und Vaterland!"- Die Realschule im
Kaiserreich (1875-1918)
Im preußischen Abiturreglement von 1788 findet sich die Festlegung, es
stehe "jedem Vater und Vormund frey ..... auch einen unreifen und
unwissenden Jüngling zur Universität zu schicken". Hier zeigen sich
noch sehr plastisch die Vorrechte der alten Ständegesellschaft, einer
Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert immer mehr in Frage gestellt wurde.
In Frage gestellt vor allem durch die rasanter werdenden wirtschaftlichen
Veränderungen. Hatte es in Sachsen um 1800 ganze drei Fabriken im
heutigen Sinne gegeben, so waren Industrialisierung und Urbanisierung um
1900 so weit fortgeschritten, dass Fabrikarbeit der Normalfall war und in
Sachsen als erstem deutschen Teilstaat bereits über die Hälfte der
Bevölkerung in der Stadt lebte. Eben für diese Entwicklung ist auch die
Stadt Werdau ein typisches Beispiel. Verzeichnete man 1819 lediglich 2680
Einwohner, so waren dies 1900 bereits 19352. Dies ist auf die
Gewerbeansiedlung, vor allem auf die in der forcierten
Industrialisierungsphase nach 1871, der Reichsgründung, auch hier
entstandenen neuen Fabriken mit ihrem Arbeitskräftebedarf
zurückzuführen..
Entsprechend dieser neuen Bedingungen veränderten sich auch die
Anforderungen an das Schulwesen. Neben die bereits zur
Selbstverständlichkeit gewordenen Volksschulen trat in verstärktem Maße
gerade in Werdau der Wunsch nach höherer Schulbildung. Für mehr oder
weniger Bessergestellte bestand bislang nur die Möglichkeit, das
traditionelle Gymnasium in Zwickau zu besuchen. 1860 entwickelte sich aus
der höheren Abteilung der Bürgerschule zunächst die Selektenschule, die
ab 1862 als 1. Abteilung der Bürgerschule geführt wurde. Spätestens ab
1865 gab es dann Vorstellungen über die Weiterentwicklung zur Realschule,
einer im 19. Jahrhundert aufgekommenen neuen Schulform. Während das
Gymnasium im Wesentlichen seit 1810, ausgehend von Preußen, immer
stärker vereinheitlicht und als Hort klassischer humanistischer Bildung
1846 nochmals mit dem sächsischen Abiturreglement seine Exklusivität als
Voraussetzung für den Zugang zum Studium bestätigt bekommen hatte, gab
es parallel dazu stetige Bemühungen um eine zeitgemäßere Bildung.
Vor allem das Wirtschaftsbürgertum setzte auf ein größeres Gewicht der
sogenannten Realien, der Sachfächer, d.h. vor allem der späteren
Naturwissenschaften, und moderner Sprachen. Eine reelle Chance konnte
diese neue Schulform aber nur erhalten, wenn sie erstens allgemein
anerkannt, d.h. auch vereinheitlicht, wurde und zweitens dem Absolventen
bildungspolitische und berufliche Vorteile bringen konnte. Ersteres konnte
schrittweise durch gesetzliche Regelungen seit den 30er Jahren über
unterschiedliche Prüfungsordnungen angestrebt und nach 1871 im Rahmen des
neu entstandenen Kaiserreichs durch die im sogenannten Kulturkampf von
Bismarck der Kirche gegenüber durchgesetzte staatliche Schulaufsicht, die
es in Preußen formal bereits seit 1794 gab, verwirklicht werden.
Problematischer war die zweite Seite, der Zugang zu weiterführender
Bildung, damals sprach man diesbezüglich vom Berechtigungswesen.
Hierüber entbrannte ein regelrechter "Schulkampf". Denn moderne
Bildung gewährte jetzt Privilegien, die zuvor allein durch Abstammung und
/ oder Besitz verliehen wurden. Folglich erwuchs aus der
schulorganisatorischen Frage - Realschule oder Gymnasium - eine
prinzipiell politische. Im Zuge der 1848er Revolution sah man aus
konservativer Sicht in den Absolventen der Realschule den potentiellen
Nachwuchs der "Umsturz- und Fortschrittspartei". Seit 1832
berechtigte z.B. in Preußen der Realschulabschluss bereits zum Eintritt
in den Einjährigen Freiwilligendienst beim Militär sowie zur Übernahme
in den Post-, Forst- und Verwaltungsdienst. Trotzdem konnte sich die
Realschule zunächst nicht durchsetzen. Erst die Reichseinigung mit dem
damit verbundenen Wirtschaftsaufschwung, u.a. durch die Frankreich
abgepressten Reparationen, machte Reformen auch im Bildungswesen dringend
erforderlich.
Die Werdauer Bemühungen lagen also ganz im Trend der Zeit, wenn man 1869
begann die drei oberen Klassen (oder die 1. Abteilung) der Bürgerschule
nach den Realschullehrplänen zu unterrichten. Dass der Bedarf nach
besserer Bildung vorhanden war, zeigt die Tatsache, dass bereits zwei
Jahre nach der Bildung der Selektenschule 117 Schüler dort unterrichtet
wurden, worunter sich auch 37 Mädchen befanden. Allerdings war die neue
Schulform Realschule wohl noch nicht so populär, da der Versuch ihrer
Etablierung 1869 noch an der Zahl der Anmeldungen von 30 Schülern
scheiterte. Das Hauptverdienst für die letztlich erfolgreiche
Herausbildung der Realschule kommt dem damaligen Direktor der
Bürgerschule Flach zu, der unermüdlich bestrebt war über den Rat der
Stadt Anhänger für diese Idee in Werdau zu gewinnen. Ein Ratsbeschluss
vom 1. Dezember 1874 machte schließlich den Weg für die Gründung der
Realschule frei. Diese konnte 1875 direkt aus der 1. Abteilung der
Bürgerschule erwachsen, nachdem nach einer Inspektion das Sächsische
Kultusministerium diesen Schritt genehmigte. Dabei entstand zunächst eine
Realschule II. Ordnung, die auf 5 Klassenstufen ausgelegt war, im
Gegensatz zu den 8 Klassenstufen umfassenden Realschulen I. Ordnung, aus
denen später die Realgymnasien wurden. Die Leitung der neuen Schule lag
noch in den Händen vom Leiter der Bürgerschule, ehe sie mit dem Ausbau
der 5. Klassenstufe 1877 mit Julius Schäfer einen eigenen Schulleiter
erhielt.
Räumlich wurde die Schule im 2. Stock des 1866/67 auf dem Gelände der
alten Schlosswiese errichteten neuen Gebäudes der Bürgerschule
untergebracht. 1878 konnte die erste Abschlussprüfung stattfinden, welche
aber nur den Titel trug: "Prüfung zur Erlangung des Zeugnisses für
den einjährigen-freiwilligen Dienst". Das jedoch konnte auch in
Sachsen der Einstieg in den gesellschaftlichen Aufstieg sein. Wer es sich
leisten konnte, Verpflegung, Kleidung und persönliche Ausrüstung selbst
zu bezahlen, hatte als Alternative zum sonst verbindlichen dreijährigen
Wehrdienst die Möglichkeit des einjährigen Freiwilligendienstes. Unter
bestimmten Voraussetzungen (entsprechende militärische Beurteilung,
Ableistung weiterer kurzer Wehrübungen) konnte dann die Ernennung zum
Reserveoffizier erfolgen. Gerade das spielte aber im militarisierten
Kaiserreich eine entscheidende Rolle, denn "der Mensch fängt erst
beim Leutnant an", wie es sarkastisch zeitgenössisch hieß und in
der allgemein bekannten Episode des Hauptmanns von Köpenick seinen
trefflichen Ausdruck findet.
In solch übergeordnetem Zusammenhang muss auch die Entwicklung der
Realschule gesehen werden. Einerseits trafen sich hier
fortschrittlich-liberale Kreise des Bürgertums um den 1876 ins Leben
gerufenen Realschulmännerverein und den "Verein deutscher
Ingenieure", andererseits forderten auch neue imperialistische
Zielstellungen des Staates diesen Zweig der Bildung. Die Gegner des
Realschulgedankens, Altphilologen und Standesorganisationen, Professoren
der Universitäten sowie im politischen Spektrum Konservative und
Zentrumspartei, wurden so allmählich zurückgedrängt. Der
schulorganisatorische Knackpunkt der Auseinandersetzung war das Latein,
zusammen mit anderen alten Sprache, insbesondere dem Griechischen, das
Aushängeschild humanistischer Bildung.
Wenn man sich in Werdau entschloss ab Klasse 4 (der Einstieg erfolgte mit
Klasse 5, entlassen wurde aus Klasse 1) Latein anzubieten, so war das
weniger eine Frage des Bedürfnisses der Werdauer Bürger als eine
Entscheidung, die geeignet schien, das Ansehen der Anstalt zu heben. Das
zeigte sich auch daran, dass auf Grund mangelnder Beteiligung der
Lateinunterricht 1883 wieder eingestellt werden musste. Nach einem
Realschulgesetz von 1884 ging auch in Sachsen die Förderung dieses
Schultyps voran. Wurden ursprünglich nur Gymnasien staatlich
mitfinanziert, so hatte das Kultusministerium die jährlichen Zuschüsse
für die Werdauer Schule von 6000 Reichsmark 1876 im Jahre 1877 bereits
verdoppelt und erhöhte diese auch weiterhin. Im April 1884 konnte eine 6.
Klasse (entspricht der heutigen Klasse 5) der Realschule als Unterbau
angefügt werden.
Da sich aus den Realschulen 1. Ordnung die Realgymnasien entwickelten,
entfiel jetzt die Bezeichnung Realschule 2. Ordnung, so dass in der
Folgezeit vereinfachend von der Werdauer Realschule gesprochen werden
kann. 1888 verwüstete ein Brand Dachstuhl und oberes Stockwerk des
Schulgebäudes, was aber außer kurzzeitigen "Winterferien" für
die Schüler vom 6. bis 14. Februar keine nachhaltigeren Konsequenzen
hatte.
Langfristig bedeutsamer wurde die Reichsschulkonferenz von 1890. Dazu muß
man anmerken, dass die Kultusminister der Länder dem jeweiligen
Landesherrn direkt unterstellt waren - nicht dem Parlament!
Bildungspolitik konnte also durch die entsprechenden Monarchen unmittelbar
gesteuert werden. So nahm auch Seine Majestät Wilhelm II.
höchstpersönlich an dieser Zusammenkunft teil. Das Resultat war eine
angestrebte Orientierung der Schule gegen die Ausbreitung sozialistischer
und kommunistischer Ideen sowie eine eindeutige Orientierung auf
"nationale Erziehungsziele". In den Mittelpunkt rückte der
Gedanke, nicht junge Griechen oder Römer, sondern junge Deutsche zu
erziehen, wie es Seine Majestät sah. Das wiederum kam dem
Realschulprinzip entgegen. Naturwissenschaften und moderne Sprachen wurden
jetzt auch machtpolitisch interessant, und sei es lediglich, um ein
Maschinengewehr bedienen und die Kommandos im französischen
Schützengraben verstehen zu können. Ins Zentrum der Bildung rückten
daneben Deutsch und Geschichte, speziell mittelhochdeutsche Dichtung,
nordische und germanische Sagen, schließlich sollte der Absolvent einer
deutschen Schule in Nibelungentreue zu seinem Kaiser stehen. In Geschichte
gewann der deutsche Schulmeister die Schlachten der Kriege von 1864 bis
1870 erneut und künftige schon im Voraus. Der Turnunterricht wurde mit
drei Wochenstunden verbindlich. Für den künftigen Sturmangriff brauchte
man schnelle und gelenkige Soldaten.
Dementsprechend bekam die Werdauer Realschule nach mehrfachen Revisionen
des Turnunterrichts durch den Direktor der Turnlehrerbildungsanstalt in
Dresden die umgebaute Turnhalle der Bürgerschule in der Körnerstraße
zugewiesen. Systematisch ging der innere Ausbau der Schule vonstatten. Das
Physikzimmer wurde 1899 grundlegend modernisiert. Eine Hilfsbücherei für
bedürftige Schüler war seit 1888 erheblich angewachsen. Verschiedene
Stiftungen, wie die von Direktor Mating - Sammler und Oberlehrer Dr.
Jacobi 1889 eingerichtete Realschulstiftung oder die von den Söhnen des
verstorbenen Fabrikbesitzers Ferdinand Gottlieb Schön begründete Schön
- Stiftung bzw. die Alfred - Göldner - Stiftung, welche es den Schülern
der beiden Oberklassen gestattete, "vaterländische Gaue" zu
durchwandern, gaben der Schule begrenzten materiellen Spielraum. Typisch
dafür ist auch die Jubiläums - Stiftung von 5000 Mark aus dem Jahre
1900, deren Zinsen Realschülern, die Techniker werden wollten, zugute
kamen. Das Gebäude in der Wilhelmstraße, der heutigen
Gerhard-Weck-Straße, stand ab 1889 im wesentlichen der Realschule allein
zur Verfügung. So hatte sich diese mit durchschnittlich 170 bis 180
Schülern bis zu ihrem 25-jährigen Bestehen 1900 fest in der Stadt Werdau
etabliert. Anlässlich der Feierlichkeiten eingegangene Spenden
ermöglichten u.a. die Anschaffung eines Flügels.
|
 |
|
 |
|
Stadtansicht um die
Jahrhundertwende
|
|
Schloßplatz mit Realschule etwa
1910
|
Von Beginn an stand die Realschule einerseits unter dem Aspekt, eine
begrenzte soziale Öffnung zu höherer Bildung anzustreben, andererseits
aber auch vor der Aufgabe, als staatliche Institution zu kaisertreuer
Gesinnung zu erziehen. Dass der erste Gesichtspunkt in Werdau eine
besondere Rolle spielte, ist an dem von Beginn an eingeplanten
Schulgeldererlass bzw. der Schulgeldermäßigung für sozial
Benachteiligte zu erkennen. Bereits in der Gründungsphase der Anstalt
hatte der Hauptinitiator Flach darauf hingewiesen, dass entsprechende
Vergünstigungen zu berücksichtigen seien. Häufige Eingaben von Eltern
an die beim Rat der Stadt geschaffene Realschulkommission um Erlass des
Schulgeldes ( anfänglich 20 Taler, d.h. 60 Mark, im Jahr) belegen, dass
der Bedarf dennoch größer war als die bereitgestellten Mittel.
Für die Einhaltung der im Kaiserreich erwünschten Erziehungsziele und
Bildungsinhalte waren neben den staatlichen Vorgaben auch die Lehrer ein
ausschlaggebender Faktor. Lehrer an höheren Bildungseinrichtungen waren
seit deren Herausbildung erfolgreich in das herrschende System integriert
worden. Vorbei waren für sie die Zeiten, da das Dorfschulmeisterlein ein
Zicklein vor der Schule, in deren Dachkammer es kampierte, stehen hatte,
um zu etwas frischer Milch zu gelangen. Vorbei die Zeiten, da der Lehrer
täglich die Kirchenglocken läutete und sonntags während des
Gottesdienstes Orgel spielte, um zu etwas Geld zu kommen, und sich
ansonsten von den Eltern seiner Schüler in Naturalien bezahlen ließ. Der
fest angestellte Realschullehrer, der, so er eine akademische Ausbildung
besaß, seit 1892 den Titel Oberlehrer trug, hatte 1908 ein Anfangsgehalt
von 3600 Reichsmark jährlich, was je nach Dienstalter auf 7200 Mark
steigerbar war. Dazu konnten dann noch Zulagen, wie zum Beispiel
Wohnungsgeldzuschüsse (in Werdau 1908 bis maximal 500 Mark im Jahr, was
aber wohl eher die Ausnahme darstellte) kommen. Der Realschullehrer ohne
akademische Bildung erhielt in dieser Zeit 2100 bis 2600 Mark
Jahresgehalt. Vergleichend sei hier darauf hingewiesen, daß ein Arbeiter
in der Textilindustrie im Werdau - Crimmitschauer Raum zeitgleich wenig
über 1000 Mark verdiente. Wen wundert es, dass Oberlehrer nicht unbedingt
in die Kategorie deutscher Revolutionäre einzuordnen sind.
Der weitere Ausbau der Werdauer Schule vollzog sich kontinuierlich. Wenn
man die 1905 verliehene eigene Fahne eher als unterhaltsame, dem Zeitgeist
geschuldete Randerscheinung bezeichnen kann, so waren doch andere
Veränderungen wichtiger. 1907 erfolgte die Einrichtung eines eigenen
botanischen Gartens auf dem Gelände des ehemaligen (alten) Krankenhauses.
Für die Gesamtentwicklung wesentlicher war jedoch vor allem die 1913
eröffnete lateinische Sexta (die Eingangsklasse), welche einen Schritt
zum weiteren Ausbau der Schule darstellte, indem so der spätere Übergang
zum Realgymnasium ermöglicht wurde. Die Schule konnte sich jetzt
offiziell "Realschule mit Progymnasium" nennen.
Den Charakter einer sich entwickelnden höheren Bildungsanstalt
unterstrichen auch ausgedehnter werdende Schülerreisen, unter anderem an
die Donau, zum Harz oder nach Prag. Gefördert wurden derartige
Unternehmungen vor allem durch die bereits erwähnte Göldner- Stiftung.
Dass der Sedanstag (Ort der Kapitulation der französischen Truppen 1870
gegenüber den deutschen) in Werdau jährlich ebenso feierlich begangen
wurde wie der Kaisergeburtstag, versteht sich fast von selbst. 1914 wurde
so auch der Kriegsbeginn gefeiert. Obwohl der Unterricht stark litt, von
Beginn an drei Lehrer einberufen wurden und das Ministerium im Zuge der
körperlichen Ertüchtigung Übungsmärsche (im Sommer zwei, im Winter
einen pro Woche) anordnete, wurden all diese Einschränkungen durch
nationales Pathos übertüncht. Mit Gott für Kaiser und Vaterland zogen
auch die Werdauer Realschüler ins große Menschenschlachten. Dabei
brachte gerade das Jahr 1914 mit der Aufnahme der ersten Mädchen in die
Realschule eine weitere Neuerung. Damit war ein wichtiger Schritt zur
endgültigen Etablierung der realistischen Bildung in Werdau vollzogen.
Die neue industrialisierte Welt formte sich ein ihr gemäßes Schulwesen,
Werdau formte mit.
Neue Zeit und alter Geist - Die Oberrealschule in der Weimarer
Republik (1919 - 1932 )
"So manchen traf das blut'ge Lenzgewitter,
Das seinem rüst'gen Streben Halt gebot,
Da Ansehn und Beruf ihm ward zum Flitter,
Der rauhe Krieg ihm zurief: Volk in Not !
Da er voll Kampfesmut, ein rechter Ritter,
In Blut und Wunden bis zum Heldentod
Das Heiligste und Beste hingegeben
Dem Vaterland: sein zukunftsreiches Leben. "
Unter der Überschrift "Zum Geleit" beginnt mit diesen von einem
Lehrer verfassten Zeilen ein zweiseitiges Gedicht, das die Festschrift zum
50-jährigen Bestehen der Realschule 1925 einleitet. Darin werden auf 13
Seiten die im Ersten Weltkrieg gefallenen ehemaligen Schüler aufgelistet.
Demgegenüber umfasst die Darstellung der Gesamtentwicklung der
Lehranstalt durch Oberstudiendirektor Prof. Dr. Wilhelm Eilers lediglich 9
Seiten. Neben einer Skizze des Schulgebäudes besteht die einzige
Illustration der Festschrift in der Abbildung der 1921 geweihten
Gedenktafel der Gefallenen des Weltkrieges. Etwa 100 junge Männer aus
unserer Gegend, verblutet auf den Schlachtfeldern für deutschen Profit
und Größenwahn, werden zu Helden stilisiert.
Allein daraus lässt sich wohl der Geist ableiten, der die Schule wie die
Gesellschaft in den 20er Jahren beseelte. Dabei kam der Realschule
inzwischen eine immer größere Bedeutung zu, war sie doch gerade im 50.
Jahr ihres Bestehens Oberrealschule geworden. Damit besaß Werdau einen
Schultyp, der im 19. Jahrhundert allmählich entstanden, seit 1882 von
Preußen ausgehend unter diesem Namen geführt und 1908 endlich auch in
Sachsen offiziell anerkannt worden war. Stimuliert wurde diese Entwicklung
dadurch, dass die Reichsschulkonferenz von 1900 (umgesetzt im Kieler
Erlass 1901) die Abschlüsse der Oberrealschule denen des Gymnasiums und
des Realgymnasiums gleichgestellt hatte. Der Hintergrund von all dem war,
dass Seine Majestät die Kadettenanstalten seit 1877 nach dem
Realgymnasiallehrplan unterrichten ließ und deren Absolventen die
Studienberechtigung zuerkannt hatte. Was also zunächst ausschließlich
den Offiziersnachwuchs fördern sollte, wurde somit für breitere
bürgerliche Kreise zur Eintrittskarte in höhere Laufbahnen. Lediglich
für einzelne Studienfächer waren noch Ergänzungsprüfungen
zwischengeschaltet.
Damit war, ganz im Sinne industrieller Kreise, auch für Werdau eine
Oberrealschule umso attraktiver geworden. Seit Ende des Ersten Weltkrieges
gab es entsprechende Überlegungen, da die Realschule einerseits letztlich
nur auf ein mittleres Berechtigungsniveau ohne weitere Aufstiegschancen
orientierte, andererseits der Andrang auf dieselbe immer größer wurde.
Die Realschulkommission, unterstützt vom Werdauer Industrieverein, wurde
dementsprechend 1920 erstmals im Ministerium in Dresden vorstellig. Auch
der ehemalige Realschullehrer und zwischenzeitliche Landtagsabgeordnete
Prof. Dr. Franz Herrmann setzte sich für die Werdauer Bildungsbelange in
der Landeshauptstadt ein. So gelang es, 1923 eine provisorische
Obersekunda als höchste Realschulklasse einzurichten, die den fließenden
Übergang zum weiterführenden Reformgymnasium ermöglichte. Der Werdauer
Abschluss stellte damit aber letztlich lediglich einen Torso dar und
konnte auf Dauer nicht befriedigen. 1925 kam dann die Genehmigung des
Ministeriums zum Ausbau der 7-klassigen Real- zur 9-klassigen
Oberrealschule. Damit verbunden war eine weitere materiell-technische
Ausgestaltung der Schule. Der verstärkte
mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht wurde durch einen Chemie-
und zwei Physikräume im oberen Stock ermöglicht.
Für die Entwicklung neuer Schulformen schien die Weimarer Republik
bestens geeignet, hieß es doch im Artikel 146 der Reichsverfassung:
"Für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule sind seine
Anlage und Neigung, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche
Stellung..... seiner Eltern maßgebend" . Dementsprechend hatte das
Reich Kompetenzen in der Schulpolitik an sich gezogen, hatte mit
Arbeitsunterricht und Staatsbürgerkunde neue Inhalte und Ziele
vorgegeben, scheiterte aber letztendlich immer wieder an parteipolitischer
Zerstrittenheit und mangelnden Finanzmitteln. Der neu etablierte
Reichsschulausschuss, ab 1923 Ausschuss für das Unterrichtswesen
(entspricht etwa der heutigen Kultusministerkonferenz der Länder ), blieb
so im Wesentlichen Makulatur, die Schulpolitik Ländersache. Die deutschen
Länder wurden nicht durch bildungspolitischen Konsens, sondern durchs
preußische Militär vereinheitlicht. Gerade Sachsen bot mit
sozialistischen Landtagsmehrheiten bis 1923 Möglichkeiten für Reformen.
Diese griffen aber auf Grund konservativer Interessengruppen und der
kaiserlichen Beamten im Ministerialbereich im höheren Schulwesen, das
nach wie vor von Elitedenken geprägt war, nicht und wurden durch die
gegen eine vorgebliche kommunistische Gefahr unternommene Reichsexekution
(Einmarsch der Reichswehr in Sachsen 1923 und Sturz der gewählten SPD/KPD
- Regierung) endgültig beendet. Durchgesetzte Veränderungen, wie z.B.
das Verbot körperlicher Züchtigung oder die generelle staatliche
Lehrerbesoldung, waren überfällig und bedeuteten keinesfalls
prinzipielle Reformen. Immerhin wurde 1922 an der Werdauer Realschule als
Krönung des Fortschritts der Karzer (die Arreststube für aufsässige und
undisziplinierte Schüler) abgeschafft.
Wenn man bedenkt, dass der Sächsische Philologenverband im Zuge der
Reformdiskussion der frühen 20er Jahre ernsthaft vorschlug, in den
Lehrplan für Staatsbürgerkunde hineinzuschreiben, der Krieg sei
"als letztes und sittliches Mittel, die Ehre und das Ansehen des
Staates zu wahren" akzeptierbar, erkennt man den damals herrschenden
Zeitgeist. Entsprechend kamen als Reformen nur dehnbare Kompromisse
zustande. Trotz allem verkörperte die Oberrealschule, von denen es in
Sachsen 1930 19 gab (neben 18 Gymnasien und 23 Realgymnasien), die neueste
Variante moderner Bildung. Seit ab 1922 alle Reifeprüfungen auch
deutschlandweit anerkannt waren, bot sie auch überregionale Chancen.
Latein war als Pflichtfach verschwunden, dafür begannen nun ab 1926 alle
Schüler mit Englisch als erster Fremdsprache, was auch das Französische
zurückdrängte. In Werdau hatte man bereits 1921 mit ministerieller
Genehmigung Englisch ab Klasse 6 (der Eingangsstufe) versuchsweise
begonnen. Ab 1923 fand Englisch durchgängig statt.
Für die Gesamtentwicklung der Werdauer Schule erwies es sich als
günstig, dass in den Nachbarstädten Zwickau, Crimmitschau und
Reichenbach keine Oberrealschulen existierten, dieser Zweig moderner
naturwissenschaftlicher Bildung also speziell in Werdau beheimatet war. So
konnte die Schule in der Weimarer Zeit durchgängig etwa 450 bis 500
Schüler unterrichten, von denen rund 25% aus den umliegenden Dörfern
kamen.
Als prekär erwies sich während der gesamten 20er Jahre die materielle
Situation im Bildungswesen. Insbesondere auf dem Höhepunkt der Krisen von
1923 (Inflation) und 1931/32 (Weltwirtschaftskrise) belasteten
Sparverordnungen auch die Werdauer Schule. So wurden 1923 auf Grund
ministerieller Verordnung die drei Oberklassen der Realschule nur noch als
Mittelklassen geführt und erhielten damit den Klassenteiler 35 (statt
bisher 25), dass heißt, es konnten 34 Schüler in einer Klasse sitzen.
Die Lehrer mußten ihr Pflichtstundenpensum (24 Wochenstunden) voll
ausschöpfen und bezahlte außerunterrichtliche und schulorganisatorische
Tätigkeit wurde nur noch in Höhe von 1% der Gesamtstundenzahl der Schule
gewährt. Nicht fest angestellten Lehrern bzw. Teilzeitkräften wurde in
der Regel gekündigt, was auch in Werdau einen Studienassessor (Anwärter
auf die Beamtenlaufbahn, nach erfolgreichem 2. Staatsexamen), der nur mit
Ausnahmegenehmigung noch bis zur Reifeprüfung 1924 bleiben konnte, sowie
drei weitere Lehrer betraf. Nebensächlich, aber typisch, dass im Zuge der
Sparmaßnahmen selbst Weisungen erteilt wurden, wie die Öfen richtig zu
bedienen seien, um die Heizkosten zu reduzieren. Hinzu kam, daß die
Inflation, die der Schule zur Verfügung stehenden Spendenfonds (vgl.
Abschnitt Kaiserreich) aufgezehrt hatte.
Als problematisch erwies sich auch die Frage des Schulgeldes (Mitte der
zwanziger Jahre 120 RM für Werdauer und 180 RM für Auswärtige). Immer
wieder lagen der Oberrealschulkommission beim Rat der Stadt Anträge auf
Schulgeldermäßigung oder Schulgelderlass vor. Diese bemühte sich um
eine begrenzte soziale Abpolsterung und gewährte Schulgelderlass in Höhe
von 25% der Schulgeldeinnahmen und Lehrmittelfreiheit für 15% der
Schüler. In den Genuss von Ermäßigungen kamen so, gestaffelt nach
sozialer Bedürftigkeit, 1928 z.B. 160 Schüler. Trotzdem baten ständig
weitere Bürger um Stundung ihrer Schulgeldverbindlichkeiten. Häufig
konnte hier durch vereinbarte Ratenzahlungen der akuten Not Abhilfe
geschaffen werden. Schwierig zeigte sich auch die Zusammenarbeit mit den
umliegenden Dörfern, die vom Rat der Stadt wiederholt um Beiträge zur
Unterhaltung der Oberrealschule ersucht wurden. Als die Stadt dies
schließlich versuchte über das Ministerium in Dresden einzuklagen, wurde
das mit der Begründung zurückgewiesen, dass dafür die ohnehin gezahlten
Staatsbeihilfen gedacht seien. Auch ein Vorschlag des Gemeinderates von
Trünzig, die Eltern mit zu derartigen Kosten heranzuziehen, erwies sich
als nicht durchsetzungsfähig. So wurde schließlich 1924 Schüler aus dem
"Ausland", sprich aus Fraureuth und Teichwolframsdorf -
Thüringen!, zurückgewiesen, da aus Kostengründen nur zwei neue Klassen
eröffnet werden konnten. Bezeichnend ist, dass der Stadtrat hierbei am
7.2.1924 dafür plädierte, in erster Linie Knaben aufzunehmen "und
die Mädchen solange zurückzuweisen als genügend gut befähigte Knaben
vorhanden sind". Auch wenn das vom Schulleiter offiziell nicht so
gesehen wurde, zeigt es doch, dass der Werdauer Stadtrat nicht unbedingt
von frauenemanzipatorischem Geist durchdrungen war.
Aber besorgt um das körperliche wie seelische Wohl der in die Anstalt
aufgenommenen Mädchen war man denn doch. So war die
Oberrealschulkommission auf ihrer Sitzung am 09.02. 1926 mit der erneuten
Besetzung der Schularztstelle betraut. Der Schulleiter führte dazu aus,
dass "mit Rücksicht auf die älteren Schülerinnen für die
Oberrealschule als Schularzt nur ein älterer, verheirateter Arzt in Frage
komme". Der daraufhin berufene Arzt war Jahrgang 1859, saß selbst in
der Realschulkommission und hatte diese Stelle dann noch bis 1930 inne,
wofür man eigens die Ausnahmegenehmigung des Ministeriums eingeholt
hatte, da er das Pensionsalter von 65 Jahren bereits überschritten hatte.
Aber bei ihm bestand wohl nach Ansicht der so auf die Moral bedachten
Herren keine allzu große Gefahr mehr... Trotzdem war die Schule zumindest
einem einzelnen Werdauer Bürger denn doch noch zu unmoralisch, denn er
beschwerte sich am 24.12 (!) 1929 über die Anzugsordnung der Oberschüler
beim Turnen auf dem Schlossplatz, genauer über deren "kürzeste
Badehosen". Daraufhin musst der Schulleiter in einer Stellungnahme
erklären, dass diese "kurze Hose mit Beinröhren" (!) laut
Turnlehrplan vorgeschrieben sei und der Vorbereitung auf die
Reichsjugendwettkämpfe diene.
Auch wenn aus heutiger Sicht eher unterhaltsam wirkend, zeigen sich
finanzielle Engpässe an einem anderen schulorganisatorischen
"Kampfplatz" der 20er Jahre. Spätestens 1920 befasste sich die
Realschulkommission erstmals mit "üblen Gerüchen" an der
Schule. Als Ursache wurden die Pissoiranlage und das teilweise
Offenstehenlassen der Holzdeckel in den Aborträumen ausgemacht. Da der
Einbau einer Wasserspülung, vor allem durch die damit notwendig werdende
Heizgelegenheit, zu teuer war, wurden Schilder vorgeschlagen, die
entsprechende Holzdeckelverächter mit Schulstrafen bedrohten. Außerdem
wurde auf die Notwendigkeit besserer Lüftung sowie auf das wöchentliche
Streichen mit Pissoiröl orientiert. Irgendwie erwiesen sich die Düfte
jedoch als besonders hartnäckig und kamen den Herren der ehrwürdigen
Kommission wenn auch nicht zur Nase, so doch wiederholt zu Ohren. Jedoch
erst eine ernsthafte Kritik des Schularztes sowie eine schriftliche
Stellungnahme des Lehrerkollegiums und ein Vorstelligwerden des
Schulträgers beim Ministerium führten dazu, dass 1927 in die
Kellerräume neue Abortanlagen, mit Zugang vom Hof eingebaut wurden, 1928
ergänzt durch eine Klärgrube.
An den Gesamtkosten von 16000 RM hatte sich das Ministerium mit 5000 RM
beteiligt. Sicher war es für die Schule günstig, dass diese Arbeiten
1928 abgeschlossen wurden, sonst wäre die alleinige Verwendung von
Pissoiröl zur Duftbekämpfung wahrscheinlich ein Dauerbrenner geworden
und man hätte vielleicht nicht einmal mehr die aus Holz bestehenden und
mit Sägespänen bestückten Spucknäpfe auf den Korridoren erneuern
können, denn 1929 wurde die Lage durch die ausgebrochene
Weltwirtschaftskrise wieder besonders brisant.
|
 |
|
 |
|
Stadtensemble in den Zwanzigern
|
|
Werdauer Realschule um 1915
|
Bereits im Februar 1929 musste wegen Kohlemangels der Unterricht
kurzzeitig ausfallen. Eine für das Wiegen der Schüler benötigte Waage
war nicht zu finanzieren und wurde schließlich von einem der Lehrer, Dr.
Jurich, selbst angeschafft. Die sächsische Sparverordnung von 1931 zwang
dann zu penibelstem Haushalten mit den Gehaltskosten, was erneut alles auf
den Kernbereich des unmittelbaren Unterrichts schrumpfen ließ.
Dass die finanziellen Engpässe immer wieder zumindest relativiert werden
konnten, war damals Initiativen der Stadt ebenso zu verdanken wie der von
privaten Spendern. So konnte nach Fertigstellung des städtischen
Freibades im Kranzberggrund dort unentgeltlicher Schwimmunterricht
durchgeführt werden. Über die "Industrieliste" Werdaus flossen
der Oberrealschule Spenden zu, die z.B. im Schuljahr 1926/27 die
beachtliche Höhe von 20000 RM erreichten. Die Stadt war es auch, die in
den Krisenjahren 1929 bis 1932 für jeweils 20 bis 30 Kinder ein
kostenloses Milchfrühstück zur Verfügung stellte. All das konnte jedoch
nicht darüber hinwegtäuschen, dass die hehren Ziele der Weimarer
Verfassung weder im sozialen noch im politischen Bereich verwirklicht
werden konnten. Auch die Oberrealschule war nicht in der Lage das
Bildungsprivileg zu brechen. Obwohl die Zahl der männlichen Sextanter in
Deutschland 1931 bei etwa 14% eines Jahrganges lag, gegenüber 8% im
Kaiserreich, blieb auch der realistische Schulzweig letztendlich eine
Domäne der Ober- und Mittelschichten.
Von 541 Schülern, die 1925 die Werdauer Schule besuchten, waren nur 18
Arbeiterkinder, und nur zwei stammten aus unmittelbar bäuerlichen
Verhältnissen. Gerade in der Zeit der Weltwirtschaftskrise gab es dann
Bestrebungen, den Zugang zu höheren Schulen zu verschärfen und die
Auslese zu forcieren. So blieben 1931/32, dem letzten Schuljahr der
Weimarer Republik, 87% aller Schulabgänger auf den Abschluss der
Volksschule beschränkt, 4% erreichten die 1931 eingeführte
"Mittlere Reife" ( entspricht der heutigen 10. Klasse ) und 9%
gelangten zum Abitur, darunter seit 1928 jährlich auch 20 bis 30
Absolventen der Werdauer Oberrealschule. Ähnlich problematisch gestaltete
sich die politische Entwicklung. Obwohl sich republikanische Kräfte in
Berlin und besonders bis 1923 ebenfalls in Dresden um den neuen Geist
bemühten, blieb die Republik weitgehend ohne Republikaner. Diese
Diskrepanz zeigte sich exemplarisch in Werdau. Einerseits wurden jährlich
an der Schule Verfassungsfeiern durchgeführt, war der 9. November als
Revolutionstag zumindest zeitweilig unterrichtsfrei und wurde z.B. dem
verstorbenen Reichspräsidenten Ebert am 5.3.1925 in der Schule eine
Gedenkveranstaltung gewidmet. Andererseits gab es wiederholt Anlass für
Kritik Außenstehender an politischen Erscheinungsformen der Schule.
So führte 1924/25 wiederholt ein Stadtverordneter Beschwerde über das an
der Oberrealschule verwendete Liedgut, z.B. darüber, dass ein Turnlehrer
beim Marsch zur Turnhalle ein Stahlhelmlied singen ließ. Der Betreffende
rechtfertigte sich damit, dies sei ein spontaner Einfall von Schülern
gewesen, er selbst kenne nur den Refrain des Liedes und handle ansonsten
nach dem Grundsatz, dass Politik nicht in die Schule gehöre. Wenig
später wurde eine ähnliche Beschwerde über das Absingen militärischer
Soldatenlieder seitens der Schule mit der Begründung zurückgewiesen,
dies seien Volkslieder aus einem vom Ministerium nicht beanstandeten
Liederbuch. Verschärft fand eine ähnliche Debatte 1931 statt, in die
sich das "Sächsische Volksblatt" eingeschaltet hatte. Anlass
waren die Schulbibliothek und an der Schule eingesetzte Schulgebete. In
der Schülerbücherei waren Bücher vertreten, wie das von
Kapitänleutnant a.D. Manfred von Killinger: "Ernstes und Heiteres
aus dem Putschleben". In diesen Memoiren eines Kapp-Putschisten (Kapp
u.a. versuchten 1920 die Republik durch einen Militärputsch zu stürzen)
und Führers einer Femetruppe rühmt dieser sich, einen Bolschewisten
ermordet zu haben. Eben diese Buch empfahl der für die Schülerbücherei
zuständige Lehrer, der zugleich Vorsitzender der DNVP (Deutschnationale
Volkspartei) Werdaus und Mitglied des Stahlhelms war, seinen Schülern.
Gleichzeitig bezeichnete er Remarques Antikriegsroman "Im Westen
nichts Neues" als "großen Schund". Bezeichnend für den
Geist der Schule war, dass nach dieser Kritik in der Öffentlichkeit das
Buch Killingers auf Beschluss der Lehrerversammlung aus der
Schülerbücherei in die Lehrerbücherei übernommen wurde. In der
Obertertia (entspricht der heutigen Klassenstufe 9) wurden seit Ostern
1931 Schulgebete eingesetzt, in denen es z.B. hieß:
"Vater, in deiner allmächtigen Hand steht unser Volk und Vaterland.
Du warst der Ahnen Stärke und Ehr', bist unsere ständige Waffe und Wehr.
Drum mach uns frei von Betrug und Verrat,
Mache uns stark zu befreiender Tat,
Schenke uns des Heilands heldischen Mut.
Ehre und Freiheit sei höchstes Gut!
Unser Gelübde und Losung sei:
Deutschland erwache! Herr mach uns frei! Das walte Gott."
Diese vom Staatsgerichtshof als verfassungswidrig eingestuften Gebetstexte
wurden im Werdauer Unterricht eingesetzt unter der Rechtfertigung, dass
die Verfassungswidrigkeit den Lehrern nicht bekannt gewesen sei. Man war
eben unpolitisch..
Dies aber auch wieder nicht so sehr, als dass man nicht eine Schulgruppe
des "Vereins für das Deutschtum im Ausland", z.B. durch
Aufführungen des siebenbürgischen Schauspiels von E.W. Möller
"Bauern", aktiv förderte oder dass man den NS-Schülerbund,
z.T. offen mit dem Abzeichen der "Wolfsangel" auftretend, an der
Schule ab 1931 zumindest duldete.
Der alte Geist hatte die neue Zeit überlebt und war bereit für eine ganz
neue Zeit...
"Führer befiehl, wir folgen dir!" - Die Oberschule für
Jungen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)
"Wir werden ebenso sehr den Lehrkörper von den
marxistisch-demokratischen Erscheinungen säubern wie umgekehrt den
Lehrplan unseren nationalsozialistischen Tendenzen und Gedanken
anpassen."
(Adolf Hitler)
Bereits vor dem 30.01.1933, dem Machtantritt Hitlers, stellte die NSDAP
in vier Ländern, darunter mit dem späteren Reichsinnenminister Wilhelm
Frick in Thüringen, den Kultusminister, und damit den für
Bildungspolitik Hauptverantwortlichen. Das allein zeigt, welchen
Stellenwert die NSDAP Fragen der Bildung und Erziehung beimaß. So war es
nur logisch, dass gerade dieser Bereich im Zuge der Gleichschaltung mit
der Einrichtung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und
Volksbildung 1934 einer zentralistischen Kontrolle unterworfen wurde. Die
von Hitler anvisierte "Säuberung" wurde in der Folge mit aller
Konsequenz durchgeführt.
In vorauseilender Manier hatte das Sächsische Ministerium für
Volksbildung bereits am 20. März 1933 die Säuberung der Lehrer- und
Schülerbüchereien im nationalsozialistischen Sinne angeordnet. Hier
konnte die Oberrealschule Werdau am 31.03.1933 dem Schulamt beim Rat der
Stadt Folgendes berichten: "Da sich in der Lehrer- und
Schülerbücherei der Oberrealschule seit ihrem Bestehen niemals Bücher
befunden haben und befinden, die der Bildung und Erziehung der Jugend zum
nationalen und völkischen Gedanken, zum Christentum und echter
Volksgemeinschaft entgegenwirken könnten, da überdies selbst von der
Leitung und Lehrerschaft als selbstverständlich betrachtet worden ist,
nur Bücher, welche auf religiöser und nationaler Grundlage beruhen, in
die Bücherei einzustellen, brauchen keine Bücher aus den Büchereien
entfernt zu werden." Auch wenn man in Rechnung stellen muss, dass
einer solchen Äußerung naturgemäß die Tendenz der Rechtfertigung nach
außen innewohnt, kann man ihr wohl im konkreten Falle insofern Glauben
schenken, als die Debatte um die Schulbücherei aus dem Jahre 1931 (Vgl.
Abschnitt über die Weimarer Zeit!) genau in diese Richtung weist. So
dürfte auch eine Meldung vom 2.5.1933 absolut zutreffen, in der es hieß:
"Bücher mit pazifistischer Tendenz sind niemals in diese
Büchersammlungen (d.h. die der Schule, der Verfasser) eingereiht
worden." Trotz alledem wurde der Buchbestand nochmals durch zwei
Lehrer, selbstverständlich Mitglieder der NSDAP, überprüft und in der
Folgezeit gezielt durch NS-Literatur ergänzt. Einen Teil dieser
"neuen" Literatur bekam die Werdauer Schule dabei, wie andere
höhere Schulen auch, unentgeltlich überlassen, so z.B. 1936 eine
vierbändige "Geschichte des Krieges" von Stegemann direkt als
Sonderspende des Führers, deren spezielle Bestellung und Eingang mussten
dabei dem Reichsstatthalter Sachsen unmittelbar angezeigt werden. Man war
halt um das "geistige Wohl" der Heranwachsenden besorgt.
Um eine vollständige Anpassung an das neue Regime zu erreichen, gab es
auch personelle Konsequenzen. So wurde der langjährige Schulleiter Dr.
Eilers 1935 (allerdings ohne dass prinzipielle politische Unstimmigkeiten
bekannt wären, eventuell auf Grund einer teilweise jüdischen Herkunft)
frühpensioniert und schieden mit dem Prokuristen Weiß und dem
Schriftsetzer Roth bereits 1933 zwei Mitglieder aus der
Oberrealschulkommission aus, um durch wahrscheinlich genehmere Personen
ersetzt zu werden. Der veränderte Charakter der Schule zeigte sich im
gleichen Jahr formal in der Anschaffung von Hitler- und Hindenburgbildern
sowie einer Hitlerbüste. Außerdem bekam die Schule ein Rundfunkgerät
und einige Kleinkaliberbüchsen. Man war so frühzeitig für die neue Zeit
gerüstet.
Anstelle der Würdigung der Weimarer Verfassung beging die Schule seit
1933 den Führergeburtstag. Im Auftrag des Reichsstatthalters wurden dabei
Schülerprämien in Form von Büchern mit "tiefem nationalpolitischen
Gehalt" oder Bildbände über den Führer bzw. über andere
"bedeutende Nationalsozialisten" ausgegeben. Bereits 1935
bewarben sich mehrere Schüler der Oberrealschule um die Aufnahme in die
SS, wurden aber auf Grund des großen Ansturms von Bewerbern vom
Ministerium zunächst abgelehnt. Demgegenüber war die
"freiwillige" Meldung zum RAD (Reichsarbeitsdienst) bereits
Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums. Nach der Wiedereinführung
der allgemeinen Wehrpflicht 1935 wurde auch in Werdau der
militärpolitische Aspekt deutlicher. Im Oktober 1935 erfolgte die erste
Einberufung eines Lehrers zum Heeresdienst. Abschlussfahrten der Primaner
nach Verdun, zu den Kampfstätten sächsischer Truppen 1870 und im Ersten
Weltkrieg, sowie Besuche in militärischen Einrichtungen, z. B. im
Fliegerhorst Altenburg, gehörten zum üblichen Repertoire der Schule.
Besonders gefördert wurde der Sport. Ab 1937 hatten die Jungen 5
Pflichtstunden Sport wöchentlich, die Mädchen 4. Neben dem Schulgebäude
wurde auf dem Fußweg eine 100 m - Laufbahn eingerichtet.
Schwimmwettkämpfe, für die nach wie vor unentgeltlich das Freibad zur
Verfügung stand, u. a. außerunterrichtliche Aktivitäten ergänzten
diese Bestrebungen. Wer das Klassenziel in Leibesübungen nicht erreichte,
konnte bei "mangelndem Einsatzwillen" der Schule verwiesen
werden. Selbst bei schweren körperlichen Gebrechen war seit 1936 die
Aufnahme an höhere Schulen in Frage gestellt. 1938 mußte z. B. vom
Ministerium eine gesonderte Genehmigung eingeholt werden, damit ein vom
Turnunterricht wegen eines schweren Herzfehlers befreiter Schüler an der
Schule verbleiben durfte. Körperliche Gebrechen führten zur Einstufung
als "minderwertig".
Umso mehr traf das auf nichtarische Schüler zu. Diese mußten seit 1936
in der Schulstatistik gesondert ausgewiesen werden. 1936 und im Folgejahr
wurde hier bei etwa 250 Schülern lediglich eine nichtarische Schülerin
registriert. Dazu kam ein nicht die deutsche Staatsbürgerschaft
besitzender Junge. Welchen Stellenwert der Antisemitismus auch im Denken
der Menschen einnahm, lässt sich erahnen, wenn man liest, dass 1941 ein
Bürger aus Dortmund eine Anfrage an die Werdauer Schule richtete, in der
er darum bat, seiner verstorbenen Mutter den Schulbesuch an der Oberschule
zu bestätigen, um damit belegen zu können, dass es sich um eine Arierin
gehandelt habe. Auch wenn diese Bitte von der Werdauer Schule abgelehnt
wurde, da eine entsprechend weit zurückliegende Statistik über
Religionszugehörigkeiten nicht vorlüge (der Absender konnte keine
genauen Angaben über den Zeitpunkt des Schulbesuchs seiner Mutter
machen), ist doch bezeichnend, dass man 1941 allein aus dem Besuch einer
höheren Schule glaubte, auf arische Abstammung schließen zu können.
Da 1937 in der Schulstatistik nur 2 Schüler als Nichtmitglied in der HJ
(Hitler-Jugend) bzw. im BDM (Bund Deutscher Mädel) aufgeführt werden
(1936 waren es noch 6), liegt es unter Heranziehung vorgenannter Statistik
nahe, dass bereits 1937 alle "arischen" Schüler der Schule
Mitglied der nationalsozialistischen Massenorganisation waren. Obwohl HJ
und BDM außerhalb der Schule, d. h. nach dem Wohnortprinzip, organisiert
waren, spielten sie für die Schule eine immer größere Rolle. Schon 1935
war der Antrag eines Oberprimaners auf Beurlaubung vom HJ-Dienst wegen der
Vorbereitung auf die Reifeprüfung vom Ministerium abgelehnt worden, ein
Standpunkt, den der damalige Schulleiter dienstbeflissen vorher bereits
selbst eingenommen hatte.
Beurlaubungen von Schülern für Lehrgänge im Rahmen der HJ (z.B.
Sommerlager, Führerschulen, Segelflugausbildung u. a.) wurden
demgegenüber in zunehmendem Maße genehmigt, insbesondere dort, wo dies
im Zusammenhang mit dem künftigen Wehrdienst oder dem Offiziersberuf
stand. Die Schüler selbst unterstützten durch Sammlungen das
Winterhilfswerk (offiziell eine Einrichtung zur Unterstützung
Bedürftiger; in der Realität aber mehr und mehr für Rüstungszwecke
missbraucht) und durch Postkartenverkäufe den Verein für das Deutschtum
im Ausland.
Im Zuge der Disziplinierung von Lehrern wie Schülern im Sinne des
Nationalsozialismus fanden spätestens seit 1937 sogenannte
"Leistungskämpfe" statt. Im Rechenschaftsbericht für den
Frühjahrszeitraum 1937 an den Reichsstatthalter in Sachsen vom 29.06.
heißt es: " Es darf gesagt werden, dass die Lehrer sich ernsthaft
bemühen, sowohl vor der Klasse als auch allgemein die Haltung zu zeigen,
die wir als soldatisch bezeichnen und verlangen. " Dabei waren
seitens vorgesetzter Instanzen auch kaum größere Anstrengungen nötig,
um die Wedauer Lehrerschaft auf "Linie" zu bringen. Mit einer
Ausnahme, einem ehemaligen Freimaurer, der allein deshalb nicht in die
NSDAP aufgenommen wurde, waren alle anderen Lehrer Mitglied der Partei und
erschienen bei besonderen Anlässen in Parteiuniform. Einen weiteren
Einschnitt im Hinblick auf die Ausrichtung zum Nationalsozialismus stellt
die Umstrukturierung der höheren Schulen dar. So wurde Ostern 1938 aus
der neunstufigen Oberrealschule die achtstufige Oberschule für Jungen.
Bereits der Name deutet auf die neue Akzentsetzung hin. Ganz im Sinne des
nationalsozialistischen Frauenbildes, nach dem Frauen und Mädchen
schrittweise aus der akademischen Bildung herausgedrängt werden sollten
und nach dem z. B. an den Universitäten eine Höchstquote weiblicher
Studierender von 10% festgelegt war, wurden die Mädchen auch an den
höheren Schulen diskriminiert. Zwar existierte neben der jetzt weitgehend
einheitlichen Oberschule für Jungen auch eine solche für Mädchen, aber
ab Klasse 6, eingereiht in andere Nichtvollanstalten, wie z.B.
Realschulen, und ohne Berechtigung zum Hochschulstudium. Da es in Werdau
aber keine entsprechende Bildungseinrichtung gab, konnten Werdauer
Mädchen weiterhin die Oberschule besuchen, unterlagen dort aber
Sonderregelungen. So mußten sie in Leibeserziehung, Biologie und
Handarbeit von Lehrerinnen unterrichtet werden. Für letztere wurden extra
ein eigenes kleines Lehrerzimmer hergerichtet. (Man achtete sehr auf
Moral! )Bezeichnenderweise fand der Handarbeitsunterricht anstelle des
Lateins für die Jungen statt, was den Zugang zum Studium weiter
einschränkte.
Neben diesen frauenfeindlichen Tendenzen zeigten sich auch soziale
Umstrukturierungen. Waren im Deutschen Reich 1933 rund ein Drittel aller
Studienanfänger aus der Oberschicht, so waren dies 1939 fast 50%.
Ansatzweise zeigte sich dieser Trend auch in Werdau. Während 1928 noch
160 Schüler ganz oder teilweise vom Schulgeld befreit waren, reduzierte
sich diese Zahl bis 1935 auf 85. Hinzu kommt, dass die Gebühren
inzwischen 240 Reichsmark, ab 1940 300 Reichsmark pro Jahr betrugen, wozu
noch Ausgaben von 30 bis 50 Mark für Lehrbücher kamen. Bezeichnend ist,
dass nichtdeutsche Schüler bereits 1935 480 Reichsmark zu zahlen hatten.
Deren Diskriminierung hatte also ganz handfeste Aspekte. Bedenkt man
dabei, dass sich die Löhne gegenüber der Weimarer Zeit kaum verändert
hatten, sich für Arbeiter und kleine Angestellte etwa um 150 RM bewegten,
erkennt man, dass sich die soziale Schere, ganz entgegen der
Goebbels'schen Propaganda von der "Volksgemeinschaft", weiter
öffnete, der Besuch einer höheren Schule durchaus auch eine ökonomische
Frage war.
Im Rahmen der NS-Wirtschaftspolitik, speziell der Autarkiebestrebungen,
mit denen sich Hitler im Zuge der Kriegsvorbereitung vom Ausland
unabhängig machen wollte, wurden auch die Schulen zu Sammlungen
herangezogen. Im Schuljahr 1938/39 erbrachten diese in Werdau insgesamt
z.B. 46t Altpapier sowie 5,5t Knochen und Altmaterialien, woran auch die
Oberschule beteiligt war. Daneben betrieb diese eine kleine
Seidenraupenzucht zur Gewinnung von Fallschirmseide, welche endgültig
erst 1954 wieder eingestellt wurde. Darüber hinaus wurden die
Oberschüler zum Eintragen von Heilkräutern angehalten, die sie
getrocknet abzuliefern hatten. Dass dabei ein gewisser Druck ausgeübt
wurde, ist daran erkennbar, dass Schüler die geforderte Menge
Walderdbeerblätter gegebenenfalls aus dem heimischen Garten ergänzten
oder sogar Taubnesselblüten in der Apotheke kauften, um sie als eigenes
Sammelergebnis vorweisen zu können. Auch zu praktischer Arbeit, speziell
in der Landwirtschaft, wurden die Schüler herangezogen. Den dabei
herrschenden Geist verdeutlicht eventuell folgende Episode: Beim
Unkrautjäten in einem Flachsfeld nahe Beiersdorf reißt ein mit
derartigen Arbeiten wenig vertraute Schüler statt Unkraut vereinzelt auch
Flachspflanzen heraus. Daraufhin bezeichnet ihn der Aufsicht führende
Lehrer als "Volksschädling". Typisch aber für das Bestreben,
derartige Vorfälle nicht aufzupauschen, um das Image der Schule nach
außen nicht zu schädigen, hatte der Vorfall darüber hinaus keinerlei
Konsequenzen.
Drastische Einschnitte in den Schulbetrieb brachte dann der Zweite
Weltkrieg. Bereits am 26.08.1939 wurde der damalige Schulleiter, ein
Reserveoffizier der Wehrmacht, einberufen. Ihm folgten noch im Schuljahr
1939/40 weitere 4 Lehrer und 16 Abiturienten. Nur noch 9 männliche
Abiturienten konnten 1940 planmäßig ihr Abitur ablegen. Generell standen
die beiden obersten Klassen als Reservoir für RAD (Reichsarbeitsdienst)
und Wehrmacht bereit, während die nächsten beiden Klassenstufen bei
Bedarf als Luftwaffenhelfer herangezogen wurden. Dies hieß dann, dass sie
gegebenenfalls in einer größeren Stadt einer Flackbatterie zugeteilt
wurden, daneben nach Möglichkeit aber auch noch Unterricht hatten.
Bezeichnend für die Wertschätzung ihres Kriegseinsatzes ist die
Tatsache, dass die Beurteilung durch die Armee selbst bei Fragen der
Versetzung beachtet wurde und der jeweilige Batteriechef das Jahreszeugnis
mit zu unterschreiben hatte. So wurde z.B. 1943 der Einspruch eines Vaters
gegen die Nichtversetzung seines Sohnes in Klasse 7 vom Minsterium in
Dresden nach Rücksprache mit der Leitung der Oberschule zurückgewiesen,
mit der Begründung, dass eben körperliche (sprich militärische),
charakterliche und geistige Leistung (in dieser Reihenfolge!) bewertet
werden müsse. Obwohl im vorliegenden Falle die Nichtversetzung auch aus
Leistungsgründen gerechtfertigt war, bleibt doch diese prinzipielle
Stellungnahme symptomatisch. Der Krieg beeinflusste die Schule jedoch weit
vielfältiger. Schon 1939 wurde die Turnhalle zweckentfremdet als
Getreidelagerstätte, ab 1940 dann direkt durch die Wehrmacht, genutzt.
Schüler wurden zur Erntehilfe delegiert und dafür gegebenenfalls, wie
1939 durch Verlängerung der Herbstferien, Unterricht gestrichen. Die HJ
diente allein der Sicherung der Wehrbereitschaft; Mittwochabend,
Samstagnachmittag und Sonntagvormittag waren der HJ-Arbeit vorbehalten.
Seit der Jugenddienstverordnung vom 25.03.1939 waren bereits Zehnjährige
zum Eintritt ins Jungvolk verpflichtet, war die Mitgliedschaft in der HJ
für jeden Jugendlichen Pflicht. Für ein Nichterscheinen zum HJ-Dienst
war die schriftliche Abmeldung durch die Eltern erforderlich. Der Dienst
selbst stand primär unter militärpolitischen Aspekten, Gepäck- und
Geländemärsche sowie Wehrsport dominierten. 1940/41 legte nur noch ein
Schüler ein reguläres Abitur ab, die übrigen 21 erreichte vorher die
Einberufung zu RAD oder Wehrmacht. Beurlaubungen von Schülern zu
tageweisen oder mehrwöchigen Formen militärischer Ausbildung, z.B. im
Rahmen des SA-Reitersturms, oder zum Besuch militärischer Einheiten, wie
des U-Boot-Stützpunktes in der Danziger Bucht, wurden Alltag.
Ständige montägliche Fahnenappelle, das Verlesen von exemplarischen
Feldpostbriefen einberufener Oberschüler sowie die wehrpolitische
Ausrichtung des gesamten Unterrichts belegen die Funktion der Schule als
propagandistisches Instrument des Nationalsozialismus. In den Jahren 1942
bis 1944 gestellte Aufsatzthemen lauteten z.B.: "Die
Wehrbauerngrenze", "Vom Volkstumskampf", "Burggraf
Friedrich zwingt Dietrich von Quitzkow", "Der deutsche
Ritterorden im Kampf für das Ostland", "Allerhand Bemerkungen
zum Kampf gegen Fremdwörter" oder "Untreue schlägt ihren
eigenen Herrn (am Beispiel des Abfalls von Italien)". Der Druck auf
Schüler , sich freiwillig zum Kriegseinsatz zu melden, wurde verstärkt.
Kriegsfreiwillige trugen an der HJ-Uniform ein rotes Bändchen. Auch in
Form von ins Reich gekommenen volksdeutschen Mitschülern, z.B. aus
Rumänien oder Litauen, oder von Gastschülern aus Hamburg, Berlin u.a.
Metropolen, die privat aus diesen bombengefährdeten Städten nach Werdau
gekommen waren, rückte der Krieg näher.
Ab Frühjahr 1944 wurden die 14-jährigen zu Nachtwachen (20.00 Uhr bis
6.00 Uhr) eingeteilt, um bei Fliegerangriffen unter Anleitung eines
Lehrers erste Brandbekämpfung durchführen zu können. Auch wenn diese
Nachtwachen, da sie wochentags mit 1,50 RM und Samstag zu Sonntag mit 3 RM
honoriert wurden und die Erlaubnis brachten, am nächsten Morgen erst zur
zweiten Stunde zum Unterricht zu erscheinen, einen eher abenteuerlichen
und positiven Anklang bei den Jungen fanden, zeigt sich hier doch bereits
die Agonie des NS-Staates.
Selbst die Mädchen wurden in zunehmendem Maße für den Krieg
mobilisiert. Nach dem Erlass des Jugendführers des Deutschen Reiches vom
20.7.1943 wurden die Schülerinnen der 7. Klassen der Oberschulen für
Mädchen, was analog auch auf Werdau zutraf, zur Arbeit in
Kindertagesstätten u.ä. Einrichtungen herangezogen. Am 26.1.1944 ordnete
der Leiter des Meldeamtes Zwickau die sofortige Musterung aller
Abiturientinnen im Einzugsbereich für den RAD an. Dass bei alldem der
Unterricht nur noch zweitrangig war, versteht sich wohl von selbst.
Lehrereinberufungen hatten dazu geführt, dass die Höchstschülerzahlen
für die jeweiligen Klassen erst heraufgesetzt, dann durch die Festlegung,
dass sie bei Lehrermangel überschritten werden durften, quasi außer
Kraft gesetzt wurden. Selbst der Sportunterricht, das Paradepferd
nationalsozialistischer Erziehung, fand auf Grund der Tatsache, dass die
Sportlehrer allesamt einberufen waren, nur noch ersatzweise statt.
Bei Fliegeralarm waren Evakuierungen der Schüler in die Keller der
umliegenden Häuser geplant. Dass daraus nie blutiger Ernst wurde,
verdankt die Schule dem für unsere Region glimpflich verlaufenden Krieg,
der Werdau weitestgehend verschonte. Dennoch fielen über 200 Absolventen
und Schüler der Werdauer Oberschule, doppelt so viele wie im 1.
Weltkrieg. Auch und gerade sie waren von der Schule für die Schlachtbank
vorbereitet worden und gingen, selbst wenn sie das naturgemäß nicht so
sahen, politisch indoktriniert in den Tod.
Sehr begrenzt blieb eine gewisse Resistenz dem NS-Gedankengut gegenüber,
wie sie in den Worten von Studienrat Miersch, die von einem ehemaligen
Schüler überliefert wurden, zum Ausdruck kommt: "Der
Nationalsozialismus wird sich erst dann völlig durchsetzen, wenn wir
Alten, die wußten, wie es früher war, tot sind." Dass er sich nicht
durchgesetzt hat, war nicht das Verdienst der Oberschule. Hier handelte
man weit eher nach der Devise: "Führer befiehl, wir folgen
dir!"
|
 |
|
1. Werdauer Bürgerschule
(Gebäude des heutigen Gymnasiums) im Jahre 1893
|
"Aufbruch 45" - Der Neubeginn der Schule in der
Sowjetischen Besatzungszone (1945-1949)
"Das Erziehungswesen in Deutschland muß so überwacht werden,
daß die nazistischen und militärischen Lehren völlig entfernt werden
und eine erfolgreiche Entwicklung der demokratischen Ideen möglich
gemacht wird."
(Potsdamer Abkommen 1945, Abschnitt III, Punkt A7)
Völlig zu Recht legten die Siegermächte des Krieges gerade auf den
Aspekt der Bildung und Erziehung Wert. Zu augenscheinlich und zu
verheerend waren die Folgen von 12 Jahren nationalsozialistischer
Beeinflussung der Jugend. Fanatisierte Jugendliche in HJ-Uniform, die sich
ergebende amerikanische Piloten wie Hunde totschlugen, waren nur die
Spitze des Eisberges, zu dem Goebbels'sche Verhetzung die Herzen junger
Deutscher eingefroren hatte. Um diese Spätfolgen wieder
"aufzutauen", sahen die Alliierten die Schule als Hauptfaktor
der Demokratisierung und forderten z.B. Beseitigung der elitären
Gliederung des deutschen Schulsystems, um gleiche Bildungschancen für
alle zu gewähren.
Die ursprünglichen Vorstellungen wurden aber lediglich in der SBZ
(Sowjetische Besatzungszone) realisiert, wo man eine 8-jährige
Einheitsschule mit darauf aufbauender weiterführender Schule schuf. Durch
den Ost-West-Gegensatz wurde dieses Modell im Westen als kommunistisch
diffamiert und schon aus dem Prinzip der Abgrenzung heraus rasch das alte
Schulsystem wiederbelebt. In der SBZ jedoch nahmen die Verantwortlichen
die Potsdamer Beschlüsse zunächst als Basis ihres Handelns. Die SMAD
(Sowjetische Militäradministration in Deutschland) widmete sich 1945
ebenso in mehreren Befehlen der Schulentwicklung wie auch KPD und SPD sich
am 18.10.1945 gemeinsam (!) in einem Aufruf der demokratischen Schulreform
zuwandten, bevor ähnliche Vorstellungen 1946 in den 5 Ländern und
Provinzen der SBZ Gesetzeskraft erlangten.
Die praktische Umsetzung derartiger Neuorientierungen gestaltete sich
schwierig. An der Oberschule Werdau war am 9.4. 1945, also eine Woche vor
dem Einmarsch der Amerikaner, der Unterricht eingestellt worden. Auf
Befehl der SMAD wurde am 1.10. der Schulbetrieb mit 313 Schülern wieder
aufgenommen, jedoch vom 24.11. bis 9.12. 1945 erneut unterbrochen. In
diesem Zeitraum erfolgten entscheidende Umstellungen im Sinne des oben
genannten Potsdamer Abkommens. Einerseits wurden ehemalige
NSDAP-Mitglieder unter den Lehrern entlassen. Das betraf alle, mit
Ausnahme von Dr. Herrmann, der jetzt die Leitung der Schule übernahm.
Andererseits wurden die Schüler überprüft, d.h., weniger Begabte, die
wohl auch unter Normalbedingungen nicht zum Abitur gelangt wären, und
Kinder besonders belasteter NS-Funktionsträger wurden ausgesondert, so
dass sich die Schülerzahl auf 206 (darunter 76 Mädchen) reduzierte.
Unter diesen befanden sich sehr viele, die auch vor dem 9.4. die Schule
besucht hatten, vor allem auch Jugendliche, die während des Krieges das
Notabitur abgelegt hatten, das jetzt allerdings keine Anerkennung mehr
fand. Sie alle wurden, entsprechend ihres Leistungsstandes, in die
Klassenstufen neu eingeordnet.
Äußerst schwierig war auch die Situation der Lehrer. Aus politischen
Gründen hatte man die alten pauschal entlassen, darunter auch keineswegs
fanatisierte Nazis, wie z.B. den bereits erwähnten Studienrat Miersch,
der jetzt als Straßenkehrer arbeiten musste. An ihre Stelle traten
zumeist Neulehrer, die sich die Lehrbefähigung theoretisch wie praktisch
erst aneigneten. Neben dem Schulleiter verfügten im Schuljahr 1946/47,
das man als wieder annähernd regulär verlaufend einschätzen kann, von
12 Lehrern nur 3 über eine abgeschlossene berufsspezifische
Hochschulausbildung. Bis 1954 gelang es jedoch allen an der Oberschule
Unterrichtenden über ein entsprechendes Fernstudium zumindest die
Qualifikation des Mittelstufenlehrers zu erlangen. Mit welchen
Anstrengungen das verbunden war, kann wohl nur ermessen, wer neben seiner
Berufstätigkeit einmal eine solche Ausbildung absolvierte. Auch das
kennzeichnet den Enthusiasmus und die Aufbruchstimmung, die nach
Zerschlagung der NS-Diktatur herrschten. Dabei kann von zielgerichteter
politischer Indoktrination in dieser Neuorientierungsphase nicht
gesprochen werden. Von den 12 Lehrern, die am 9. 12. 1945 den Lehrbetrieb
aufnahmen, war nur einer Mitglied der KPD, einer gehörte den
Liberaldemokraten an, während die übrigen 10 parteilos waren. Zudem war
die Lehrerschaft, was Herkunft und Bildung anbelangt, recht heterogen
zusammengesetzt. Einer kam aus der Forschungsabteilung von Siemens, eine
war in Berlin ausgebombt und nach Westsachsen verschlagen worden, andere
waren durch den Krieg an der Vollendung ihrer Ausbildung gehindert worden.
Nur die wenigsten waren gestandene Schulleute. Sie alle einte der Wille
zum Neubeginn.
Die Schülerschaft war eine in der Tendenz grundsätzlich bürgerliche,
rekrutierte sich weitgehend aus Kreisen der sozialen Mittelschicht. Das
mag auch am nach wie vor zu entrichtenden Schulgeld von 240 DM im Jahr
gelegen haben, das vergleichsweise einem Monatsgehalt des 1951
eingestellten Hausmeisters (250 DM) entsprach. Für die an der Schule
Lernenden war die materielle Situation nicht leicht. So boten vor allem
von auswärts, also von den Dörfern Kommende Semmeln und Stullen im
Tausch gegen Hausaufgaben. Hoch im Kurs standen beispielsweise schwierige
geometrische Zeichnungen. Hier konnte schon einmal ein Stück Butter den
Besitzer wechseln.. 1946 wurde dann täglich an jeden Schüler eine
schwarze Semmel ausgegeben. Auch wenn diese nach heutigen Maßstäben ein
saueres und bitteres Etwas war, für viele bedeutete sie damals wenigstens
ein sicheres Frühstück.
Als 1947 wieder erste Klassenfahrten durchgeführt wurden, glich z.B. ein
Trip nach Saalburg einem Abenteuerurlaub. Ein Vater hatte einen
Holzvergaserwagen mit einem Busanhänger organisiert. Der Fahrer bekam von
jedem Teilnehmer eine Zigarette, was seinen Lohn darstellte. Für alle war
Selbstverpflegung angesagt. Auch eine Abifahrt nach Rügen sah 1949 noch
ähnlich aus. Neben den teilweise bereits geflickten Zelten waren
Rucksäcke mit mühsam von zu Hause besorgter Verpflegung die wichtigsten
Reiseutensilien. Für mit viel Elan organisierte Schauspiel- oder
Opernbesuche in Leipzig waren unmittelbar nach dem Krieg zunächst für
die Bahnfahrt besondere Genehmigungen ebenso erforderlich wie das Besorgen
von Privatquartieren, da eine Rückfahrt abends nach der Vorstellung nicht
mehr möglich war.
Kompliziert war vor allem die materielle Absicherung des täglichen
Unterrichts. Im Januar 1946 wurde aus Heizgründen das Oberschulgebäude
sozusagen dreischichtig genutzt. Vormittags fand der reguläre Unterricht
der Oberschule statt, nachmittags wurden Volksschulklassen hier
untergebracht und abends nutzte die Volkshochschule die Räume.
Auswärtige Oberschüler hatten z.T. sehr beschwerliche Anmarschwege. Die
Teichwolframsdorfer z.B. kamen früh gegen 6.00 Uhr mit dem Zug und
konnten erst etwa 18.00 Uhr zurückfahren. Ihnen und anderen
"Fahrschülern" wurde ein gesonderter Aufenthaltsraum
zugewiesen.
Philosophie- und Geschichtsunterricht waren zunächst abgesetzt worden,
fanden dann ohne Lehrbücher statt; man stützte sich z.B. auf Engels,
Mehring und Abusch ("Irrweg einer Nation"). Sport wurde bis 1948
nicht erteilt, da z.B. die Turnhalle noch von der SMAD belegt war, erst ab
1949/50 wieder der Schule zur Verfügung stand. Ansonsten fand der
Unterricht recht traditionell statt. Man betrieb "unpolitische"
Naturwissenschaften und huldigte in Literatur dem Mythos Goethe.
Aufsatzthemen lauteten u.a.: "Worin liegt die Bedeutung einer freien
Presse?" (1946), "Propaganda und Wahrheit" (1948) oder im
Abitur 1948 "Über den Wert von Gesetzen". Alles Themen, die
durchaus einem demokratischen Neuanfang geschuldet schienen.
Episodisch lässt sich die materielle Lage daran verdeutlichen, dass die
Sächsische Landesverwaltung für ihre Informationen an Schulen u.a.
Telegrammformulare der Deutschen Reichspost nutzte, die folgende
Aufschrift trugen: "Deutscher, benutze für deine Überseetelegramme
nur deutsche Funk- und Kabellinien!" In der Stadtverwaltung Werdau
wurden für Durchschläge von amtlichen Briefen an Bürger der Stadt noch
1950 die Rückseiten von Stimmzetteln der Wahlen genutzt. ( Man stelle
sich die juristischen Folgen derartiger Sparsamkeit heute vor!)
Ab 1947/48 nahm die ideologische Einflussnahme der SED, die sich zur
"Partei neuen Typus", d. h. zur Kaderpartei, entwickelte, zu.
War 1945 lediglich ein Lehrer Mitglied der KPD, so waren im Schuljahr
1949/50 7 Lehrer in der SED, 2 in der LDP, lediglich einer war parteilos.
Generell wurden die Lehrer zunehmend stärker in den sich entwickelnden
Staat eingebunden. Die Kreisschulämter (bis 31. 03. 1947 Werdau, danach
Zwickau- Land, nach der Gebietsreform von 1952 wieder Werdau) übten
Kontrollfunktion aus. Ab 01. 01. 1947 erfolgte die Lehrerbesoldung
generell durch das Land. Im gleichen Jahr fanden an der Werdauer
Oberschule zwei Inspektionen durch die SMAD (eine aus Karlshorst, die
andere aus Zwickau) statt.
Daneben wurde versucht über die FDJ politisch wirksam zu werden. Noch
Anfang 1948 war die Zahl der Mitglieder begrenzt, insoweit überschaubar,
bewegte sie sich in einzelnen Klassen um die 10%. Der damalige Schulleiter
verstieg sich dann allerdings nach Aussagen eines Betroffenen zu
Äußerungen wie: "Wer nicht Mitglied der FDJ ist, besteht auch kein
Abitur." Obwohl das mit Sicherheit völlig überspannt war, wuchs der
politische Druck. Im Januar 1949 wurden die Schülerausschüsse
aufgelöst, mit der Begründung, die FDJ- Schulgruppe vertrete alle
Schüler. Der IV. Pädagogische Kongress erklärte die antifaschistisch-
demokratische Umgestaltung des Schulwesens für abgeschlossen. Jetzt
erfolgte eine klar sozialistische Orientierung.
Hatte es bereits 1946 seitens der Landesverwaltung Sachsen, Abteilung
Volksbildung eine Weisung gegeben, nach der "alle Schüler , die in
ihrer gesamten Haltung erkennen lassen, dass sie nicht gewillt sind, sich
die demokratischen Grundsätze anzueignen, zu entfernen sind", gab es
ab 1947 in Werdau handfeste politische Disziplinierungen. Am 6.11.1947,
dem Vortag der in der SBZ und der späteren DDR besonders gewürdigten
Oktoberrevolution 1917 in Rußland, wurden die Bilder Lenins und Stalins
von der Wandzeitung im Treppenaufgang gerissen. Die daraufhin eingeleitete
Überprüfung der politischen Haltung der Schüler führte dazu, dass in
der Folgezeit über 20 Schüler der Schule verwiesen wurden. Die
Verlogenheit des Vorgehens wird daran deutlich, dass zumindest bei den
ersten fünf Relegierungen die Begründung gegeben wurde: "Verhalten
tadelnswert". Einer der von der Oberschule geworfenen Schüler,
Manfred Otto Ulbrich, der die Vorgänge selbst 1998 ausführlich
dargestellt hat, beschreibt, wie ihm Dr. Herrmann, entgegen der
offiziellen Version, eine Bescheinigung gab, dass seiner Relegierung
politische Motive zu Grunde lagen. Nicht zufällig traf es mit Ulbrich,
der dann im Januar 1948 in den Westen ging, den Sohn des damaligen
Kreistagsabgeordneten und CDU- Vorsitzenden von Leubnitz. 1949 wurde der
Schüler Karg wegen "antisowjetischer Betätigung und Diskreditierung
der neuen demokratischen Regierung" der Schule verwiesen.
Symptomatischerweise traf es auch mit ihm einen jungen Mann, der im Rahmen
der LDP politisch - aber eben nicht SED- gemäß - aktiv war.
Während 1947 mit einer Gedenkfeier für Walther Rathenau, am 24.6., und
einer Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des Faschismus, am 13.9. , an
der Schule noch der demokratische Anspruch herausgestellt worden war,
hatte sich das wenig später deutlich geändert. Bezeichnenderweise
verschwand der Referent des 13.9.1947, Gerhard Weck, als ehemaliger
Sozialdemokrat, u.a. wegen seiner Kontakte zur West-SPD, ein Jahr später
in dem Lager, über das er 1947 noch als Inbegriff des NS-Terrors
gesprochen hatte: in Buchenwald, interniert von der SMAD.
Um 1949 formierte sich die Oberschule in Grundzügen so, wie sie danach
über Jahrzehnte bestand. Im Schuljahr 1948/49 besuchten in den 4
Klassenstufen 9 bis12 184 Schüler die Schule, von denen 54 Mitglied der
FDJ waren. Die Klassen wurden in einen sprachlichen und
naturwissenschaftlichen Zweig unterteilt, wobei Russisch verbindlich die
1. Fremdsprache darstellte.
Die Lehrer wurden über den Arbeitsplan der Schule zu mindestens einer
Funktion innerhalb demokratischer Organisationen verpflichtet.
Gesellschaftliches, sprich politisches Engagement überlagerte rein
fachliche Aufgaben. Lehrer wurden im wahrsten Sinne des Wortes
Staatsfunktionäre. Die Aufbruchstimmung war geschwunden, der Neubeginn
bekam einen faden Beigeschmack...
"Freundschaft, Genosse Stalin!" - Die EOS in der DDR
(1949-1990)
Anlässlich des 75-jährigen Bestehens bekam die Werdauer Schule 1950,
mitten in der Phase der Stalinisierung, den Namen
"Alexander-von-Humboldt-Schule" verliehen. Symptomatischer
lässt sich der Spagat der DDR-Bildungspolitik kaum darstellen. Alexander
von Humboldt als Vertreter aufklärerisch-liberaler Ideen und
weltgewandter Naturwissenschaftler auf der einen - Generalissimus Stalin,
der Hauptverantwortliche des Gulagsystems und sowjetischer
Abschottungspolitik, auf der anderen Seite. Anspruch und Wirklichkeit
klafften weit auseinander.
Grundsätzlich bleibt jedoch zu bemerken, dass mit Beginn der
antifaschistisch - demokratischen Umwälzung, wie sie generell genannt
wurde, 1945/46 der Versuch, das Bildungsprivileg zu brechen und soziale
Schranken für den Zugang zu höherer Bildung abzuschaffen, so deutlich
wurde wie nie zuvor. Bereits im Juli 1946 genehmigte der Werdauer
Stadtrat, federführend Oberbürgermeister Thiemann und Stadtrat Weck,
Finanzmittel für eine aus weniger gut bemittelten Elternhäusern
zusammenzusetzende Klasse von 25 Schülern an der Oberschule.
Sammelaktionen für bedürftige Schüler erbrachten im Schuljahr 1946/47
15568 Mark. Teilweise und ganze Schulgeldbefreiungen konnten zunächst
jedoch nur in ähnlichem Umfang wie vor 1945 gewährt werden. Mit
Gründung der DDR wurden aber Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit auf die
Oberschulen ausgedehnt. Spätestens ab Ende 1951 wurden
Unterhaltsbeihilfen an alle Schüler gezahlt, deren Eltern über weniger
Einkommen als 250 Mark im Monat verfügten. Diese Einkommensgrenze konnte
bald angehoben werden. 1953 erhielten 140 von 240 Schülern
Unterhaltsbeihilfen von insgesamt 64000 Mark, was im Durchschnitt etwa 40
Mark pro Monat für den Einzelnen bedeutete.
Darüber hinaus drängte der inzwischen fest etablierte Elternbeirat auf
die Gewährleistung einer warmen Mahlzeit für alle Schüler, was ab 1954
auch gesichert werden konnte.
Seit Beginn der 50er Jahre wurde die Garantie eines Studienplatzes für
jeden Abiturienten, verbunden mit einem späteren entsprechenden
Arbeitsplatz, angestrebt und schrittweise realisiert. Höhere Schul- und
damit akademische Bildung war kein soziales Problem mehr. Dies ist um so
bemerkenswerter, als die materielle Situation der DDR in den 50er Jahren
keineswegs rosig war. Episodisch sei das daran verdeutlicht, dass nach der
"Republikflucht" eines Lehrers der Oberschule im Jahre 1951 bei
seiner Familie die Hausbrandzuweisung über 4 Zentner (200 kg)
Braunkohlenbriketts von der Schule wieder abgeholt wurde. Hierzu muss
angemerkt werden, dass 1951 alle wichtigen Güter der Grundversorgung in
der DDR per Bezugsschein zugewiesen wurden und dass Lehrer wegen ihrer
beruflichen Tätigkeit, die sich zu einem erheblichen Teil zu Hause
abspielt, ein zusätzliches Deputat an Kohlen bekamen.
Hier zeigt sich aber auch die politische Brisanz des Vorfalls. Der Familie
eines republikflüchtigen Staatsfeindes waren natürlich 200 kg Briketts
keinesfalls zu überlassen! Generell war die wirtschaftliche Situation der
Schule im Grunde stets schwierig. Bildung wurde aber, im Gegensatz zu
vorhergehenden Zeiten, aus prinzipiell politischen Überlegungen stärker
gefördert und so war die Schule in keiner Phase auf das Spendensammeln
angewiesen. 1956 wurde z. B. eine Niederdruckheizung eingebaut, als dies
noch keineswegs zur allgemeinen Grundausstattung gehörte. Interessant
dabei ist, dass man, nachdem im Schuljahr 1948/49 neben einer
Wetterbeobachtungsstation (betreut vom geo-physikalischen Institut der
Universität Leipzig) und einem Filmgerät auch ein Schulfunkgerät
angeschafft worden war, dies 1952 durch einen Verstärker ergänzte und
dabei als Begründung anführte, dass das "für die ideologische
Umerziehung der Oberschüler" notwendig sei.
Das bekannteste Ereignis, das die politische Schulentwicklung in den 50er
Jahren nachhaltig prägte, ist der inzwischen mehrfach bekannt gemachte
und gewürdigte sogenannte Oberschülerprozess vom Oktober 1951, bei dem
19 junge Leute zu unverhältnismäßig hohen Strafen verurteilt wurden,
unter ihnen die Schüler Gäbler, Eckhardt, Schneider, Roth, Körner und
Rasch, die jeweils zwischen 10 und 15 Jahren Zuchthaus erhielten. Sie
hatten ihrer oppositionellen Haltung durch Flugblattaktionen u.a. offen
Ausdruck verliehen und gehören sicher zu den prägnantesten Opfern des
Kalten Krieges. Die Schule erwies sich als Handlanger staatlicher
Repressionsakte. Doch auch in diesem Fall gab es zumindest den Ansatz,
Schule nicht nur so zu verstehen. Am 28.10.1952 wandte sich das Dezernat
Volksbildung beim Rat der Stadt an den Rat des Kreises mit der Bitte,
über das Volksbildungsministerium beim Generalstaatsanwalt dahingehend
einzuwirken, die inhaftierten Oberschüler im Zuchthaus geeigneten
Erziehungsmaßnahmen zuzuführen, um sie zu "brauchbaren Mitgliedern
unserer Gesellschaft" zu machen und nicht "mit allen möglichen
Elementen" jahrelang zusammen unterzubringen. Die Werdauer Ereignisse
illustrieren die DDR wohl treffend als "Erziehungsdiktatur". Der
Einzelne konnte und musste erzogen werden, ob er wollte oder nicht...
Aber dieser publik gewordene Fall verdeutlicht weniger den Alltag der
Oberschule in den 50er Jahren als dies "kleinere" Ereignisse
tun. In der Nacht vom 22. zum 23.12.1953 beispielsweise klingelten
Schüler wiederholt bei einer jungen Lehrerin, übrigens der ersten fest
angestellten weiblichen Lehrkraft an der Oberschule. Dies führte zu
"hochnotpeinlichen" Ermittlungen seitens der Schulleitung. In
seinem Bericht vom 27.12. bewertete der Direktor diesen Vorfall als
"tatsächliche Sabotage", da auf diese Weise die Kollegin aus
Werdau vertrieben und der Russischunterricht (Es handelte sich um die
Russischlehrerin.) sabotiert werden sollte. Jugendliches Renommiergebaren
wurde zu hochpolitischem Handeln stilisiert.
Die Sabotagehysterie der Zeit, mit der man letztlich fast alle Mängel des
DDR-Systems zu erklären glaubte, trug auch weitere Blüten. So wurde die
Hausmeistereinstellung 1951 u.a. damit begründet, dieser müsse ständige
Kontrollen im Schulgebäude vornehmen. Im Treppenhaus sollten zusätzliche
Kerzen und Petroleumlampen aufgestellt werden, da sonst "Sabotageakte
jeder Art" leicht möglich seien. Sogar die Volkspolizei wurde vom
Schulleiter zu häufigen Streifengängen im Gebiet der Oberschule
aufgefordert. Sicher gab es für westliche Geheimdienste und
"Diversantengruppen" kein wichtigeres Objekt als die im Zentrum
der Weltpolitik liegende Werdauer Oberschule...
Dass man seitens der Schulleitung dabei leicht etwas über das Ziel
hinausschoss, wird daran deutlich, dass der Schulleiter am16.02.1952 die
Zulassung eines Schülers zur Reifeprüfung in Frage stellte, weil der
eine Russischarbeit nicht mitgeschrieben hatte, statt dessen aber
aufschrieb: "Die 5 war so und so sicher, deshalb habe ich die
Dreiviertelstunde dazu verwandt, über die Zwecklosigkeit eines
4-jährigen Russischunterrichts nachzudenken." Selbst der Schulrat
mochte sich dieser Sicht nicht anschließen und allein aus diesem Grunde
eine Relegierung aussprechen.
Letzteres gab es in der Folge nur noch vereinzelt, so z.B. im gleichen
Jahr am Beispiel des Schülers Rothe wegen offener Kritik am
FDJ-Zentralorgan und angeblicher "Gruppenbildung" gegen die FDJ.
Der Hintergrund für letzteren Vorwurf war, dass er einer Mitschülerin
geraten hatte sich aus politischen Gründen vor einem anderen Mitschüler
in Acht zu nehmen. Das alleine galt schon als staatsfeindliche
Gruppenbildung.
Ein ähnlicher "Fall" ereignete sich 1958. Als Schüler einer
10. Klasse vom Kleinkalibergewehrschießen im Rahmen der inzwischen
eingeführten GST (Gesellschaft für Sport und Technik) - Ausbildung
zurückkommen, bemerkt einer, locker auf einer Bank im Klassenzimmer
sitzend: "Man reiche mir ein Gewehr, ich will die Bilder
durchlöchern." Mit "Bildern" meinte er die an der Wand
angebrachten Porträts, darunter das von Walter Ulbricht, dem damaligen
Ersten Sekretär der SED. Diese Äußerung wird ihm zum Verhängnis.
Verschärfend entstellt ("Wenn ich jetzt Munition hätte, würde ich
den abknallen.") wird sie weiter getragen und führt zum Ausschluss
von allen Oberschulen der DDR. Symptomatisch dabei, dass entlastende
Stellungnahmen der Mitschüler als Zeugen des Vorfalles sämtlich
ignoriert, die einzige belastende Aussage jedoch zur Grundlage der
Relegierung gemacht wurde. Entlarvend eine Bemerkung des Kreisschulrates
auf den Einwurf, sich allein auf die Behauptung eines Anwesenden gestützt
zu haben: "Welche Zeugen wir vernehmen, beschließt der Pädagogische
Rat." Anzumerken ist, dass der betreffende Schüler Peter Windisch
war, der Sohn eines Werdauer Fleischermeisters, welcher als
Gewerbetreibender SED-Funktionären ein Dorn im Auge und auf Grund
denunziatorischer Anschuldigungen zu einer Haftstrafe verurteilt worden
war. Darüber hinaus waren Maßregelungen von Schülern wegen Rias-Hörens
oder Westkontakten an der Tagesordnung.
Die politische Ausrichtung der Schule, die insbesondere nach der 2.
Parteikonferenz der SED 1952 mit der Orientierung auf die "Schaffung
der Grundlagen des Sozialismus" forciert wurde, zeigte sich u.a.
daran, dass im "Kampfplan" der Schule das Schuljahr 1952/53 als
"erstes sozialistisches Schuljahr" bezeichnet wurde. Dabei nahm
man natürlich zunächst vor allem die Lehrer ins Visier. Dass es dabei zu
offener Repression kam, Lehrer entlassen wurden oder in den Westen gingen,
so geschehen z.B. im Zusammenhang mit dem bereits erwähnten
Oberschülerprozess oder im gleichen Jahr bei der fristlosen Entlassung
des Chemielehrers wegen Unstimmigkeiten in seinem Fragebogen, ist vor
allem auf Grund der präventiven Kaderpolitik eher die Ausnahme.
Alltäglich aber war die permanente Kontrolle und (politische)
Überwachung, u.a. durch ständige Rechenschaftslegung und eine extensive
Hospitationstätigkeit. So wurde in den dabei entstandenen Protokollen des
Direktors aus dem Schuljahr 1952/53 u.a. beanstandet, dass in Klasse 11
bei der Behandlung des Nibelungenliedes die Gegenüberstellung der
Vasallenpflicht mit dem demokratischen Patriotismus fehle oder dass es bei
der Besprechung von Schostakowitsch im Musikunterricht versäumt wurde,
auf die Ursachen für die fortschrittliche Tätigkeit der Sowjetkünstler
einzugehen. Über eine Lateinstunde in Klasse 12 wird dann ausgesagt, dass
"demokratische Inhalte" im Lehrstoff nicht enthalten seien (
welch Wunder!), jedoch wäre die Körperhaltung der Schüler nicht immer
einwandfrei gewesen. "Hier hätten Hinweise erfolgen können, dass
der sozialistische Staat gesunde Körper, demzufolge auch eine anständige
Körperhaltung, verlangt." Also, der gesunde Körper als Ausdruck des
Klassenbewusstseins! Wie war das doch gleich mit derartigem Vokabular in
der NS-Zeit...?
Andererseits bedauerte der Schulleiter am 8. Juli 1953, also drei Wochen
nach dem auch für Werdau nicht unwichtigen 17. Juni, dass es in
Gegenwartskunde zu keinem wissenschaftlichen Meinungsstreit käme, da
"wir die Meinung unserer Schüler zensieren".
Derartige Überlegungen hatten aber wohl keine praktischen Konsequenzen.
Im Gegenteil, sowohl im Unterricht als auch in außerunterrichtlicher
Arbeit wurde die geistige Gleichschaltung im Sinne der SED-Doktrin
forciert. Für die 50er Jahre war dies zunächst eng gekoppelt an den
Namen Stalin. In seinem Referat anlässlich der Feiern des Jahrestages der
Oktoberrevolution 1952 äußerte der 1. Sekretär der FDJ: "Mein
Glück besteht darin: Mit Millionen junger Menschen unter der Führung
Stalins für den Frieden der Welt zu kämpfen. Mein schönstes Erlebnis
war der Aufenthalt im Land des Sozialismus, in der Sowjetunion, und der
schönste Augenblick war der 1. Mai 1952, als ich auf dem Roten Platz in
Moskau Genossen Stalin sah." Ein Blick auf Stalin als höchster
Ausdruck individuellen Glücks! Vielleicht wollte man ja dann auch mit den
Stalinbildern, ja sogar Stalingedenkecken, im Schulgebäude lediglich die
Schüler glücklich machen. Dann war es sicher ein ebensolches
Glücksgefühl, an bestimmten politischen Gedenktagen nach Hörensagen von
Zeitgenossen neben Stalinbild oder Stalinbüste mit Luftgewehr
"Ehrenwache" zu stehen. Heiligenverehrung a' la DDR!
Zum Stalingeburtstag wurden jährlich Prämien bis zu 50 Mark an Schüler
vergeben. Auf den dabei überreichten Urkunden wird vom "Führer der
Weltfriedensfront Generalissimus J. W. Stalin" gesprochen. Bereits
das Vokabular ist so friedlich, wie man es eben in der Zeit des Kalten
Krieges erwarten konnte. Erwartet wurde von den Schülern über den
Unterricht hinaus ein besonderes politisches Engagement. Seit 1947
existierte an der Schule die erste FDJ-Schulgruppe des Kreises. Jeder
Schüler sollte laut FDJ-Arbeitsplan 1953/54 pro Woche 3 Stunden
gesellschaftliche Arbeit im Rahmen verschiedener Organisationen leisten -
und wurde auch danach beurteilt. Klargestellt werden muss jedoch, dass
eine Reihe dieser Aktivitäten durchaus unabhängig von aufoktroyierter
Ideologie bestanden und den Jugendlichen einfach Freude bereiteten.
Erwähnt sei hier nur die Laienspielgruppe, die schon 1946 mit
Aufführungen von Kleists "Der zerbrochene Krug" oder Goldonis
"Diener zweier Herren" hervortrat und bis Anfang der 50er Jahre
auf sich aufmerksam machte. Auch war es sicher kein politischer Zwang,
wenn Schüler ab 1952 in der Außenstelle Schlossstraße 1, wo zeitweilig
zwei Klassenzimmer untergebracht waren, begeistert (und laut) musizierten,
so dass sich Bewohner über "durch Instrumente verursachten,
furchtbaren Lärm" beschwerten. Gerade organisierte
Tanzveranstaltungen, zunächst in der Aula der Schule, später im
Jugendclubhaus auf dem Pleissenberg, spielten im Rahmen der FDJ-Arbeit
eine herausragende Rolle. Sie wurden oft nur durch eine davor abgehaltene
FDJ-Versammlung als gesellschaftspolitisch relevante Tätigkeit kaschiert.
Mehr als Weisung (und damit als Zwang) aufgefasst worden sein dürfte
hingegen der Aufruf der Schulaufsicht des Kreises Zwickauer Land vom 18.
12. 1951, jede Klasse solle Geschenk-Päckchen an westliche Schulen
senden, als Hilfe für Kinder arbeitsloser Eltern, um "den
wirtschaftlichen Aufstieg in der DDR und die stetige Erhöhung unseres
Lebensstandards" aufzuzeigen. Päckchen als ideologische
Propagandamittel! Spätestens seit der Berlin-Blockade 1948/49 waren
Lebensmittel Objekte des Kalten Krieges; zumindest seit 1950 stützte das
Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen diesbezüglichen
"privaten" West-Ost-Transfer, z. T. flossen sogar
Marshallplan-Gelder. (Das Gesamtdeutsche Institut in Westberlin
bezuschusste noch bis 1990 derartige Päckchensendungen in den
"notleidenden" Osten - ganz abgesehen von der steuerlichen
Absetzbarkeit!) Wenn der Osten also schon früh darauf reagierte, dann
wohl unter dem Motto: Vom Westen lernen heißt (kaufen und) schicken
lernen!
|
 |
|
Werdauer Bürgerschule etwa 1903
|
Bis in die 80er Jahre hinein problematisch war, dass die Oberschule
sich als Kaderschmiede verstand und die Auswahl der Schüler keineswegs
nur nach dem Leistungsprinzip vorgenommen wurde. Positiv war auf der einen
Seite die Beseitigung althergebrachter Bildungsprivilegien und die
besondere Förderung von Arbeiter- und Bauernfakultäten (als unmittelbare
Vorstufe zur Vorbereitung auf ein Studium) bis hin zum Studium selbst. Der
Schulleiter der Oberschule beklagte aber in der Rechenschaftslegung vom
25. 11. 1954 die Tendenz der Grundschule, Arbeiterkinder um jeden Preis
auf die Oberschule zu schicken und dabei dem Klassenlehrer ein Soll zu
stellen, was dazu führe, dass Schüler mit einem Durchschnitt von
"Drei" auf die Oberschule kämen und den Anforderungen nicht
gewachsen wären.
Negativ wirkte sich hingegen die neue politisch-soziale Auslese aus. So
wurde prinzipiell politisches Wohlverhalten honoriert, jede oppositionelle
Tendenz oder (vorwiegend religiös motivierte) Verweigerungshaltung mit
Ausgrenzung beantwortet. Gerade in den 50er Jahren wurde dies stark
restriktiv gehandhabt. So wurde beispielsweise Georg Meusel, dem Sohn
eines von den Nazis dienstentlassenen Pfarrers der Bekennenden Kirche,
1956 ebenso der Zugang zur Oberschule verweigert wie 1960 der Tochter des
Ruppertsgrüner Pfarrers Christa-Maria Lenk. In beiden Fällen belegen
durchgängig gute bis sehr gute Noten, dass es sich um rein politisch
motivierte Entscheidungen handelte. So heißt es in der Beurteilung der
Letzteren als Schlusssatz: "Da Christa-Maria sehr stark vom
Elternhaus beeinflusst wird, besteht bei ihr nicht die Gewähr, dass sie
sich später einmal aktiv für unseren sozialistischen Staat
einsetzt." Bei der Gesamtzahl der Bewerber für die Oberschule sicher
Einzelbeispiele, aber Einzelfälle, die begangenes Unrecht darstellen und
den Werdegang junger Menschen wenn nicht zerstörten, so doch entscheidend
behinderten.
Die Umbenennung der Oberschule in "Erweiterte Oberschule (EOS)"
im Jahre 1960 fällt zusammen mit dem Abschluss einer Reihe
sozial-ökonomischer Veränderungen in der DDR und damit verbunden einer
weiteren Profilierung des Bildungssystems. Spätestens seit dem 5.
Pädagogischen Kongress 1956 gab es Vorstellungen der weiteren
organisatorischen Umprofilierung der Schulbildung. 1959 kam das neue
Lehrplanwerk für die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische
Oberschule, auf der aufbauend, allerdings nach wie vor einsetzend mit
Klasse 9, die erweiterte Oberschule folgte und zum Abitur führte. 1965
wurde all das im Gesetz über das einheitliche sozialistische
Bildungssystem fixiert; der 10-Klassen-Abschluss war jetzt die Regel, die
EOS erfasste immer stärker bewusst ausgewählte künftige Nachwuchskader.
Diese wurden in fortwährend stärkerem Maße politisch indoktriniert.
Stand in den 50er Jahren noch der größte Teil der Werdauer Oberschüler,
zumeist aus mittelständischen Kreisen kommend, der DDR weitgehend
ablehnend gegenüber, änderte sich in den 60er Jahren das Bild. Neben der
gezielt zugunsten der sozialen Unterschichten veränderten Zusammensetzung
der Schülerschaft und dem Auftreten einer neuen Generation Jugendlicher,
die, das Tun ihrer Vätergeneration im Nationalsozialismus kritischer
hinterfragend, den antifaschistischen Bestrebungen des Staates wohlwollend
gegenüberstand, dürfte hierfür vor allem die relative Stabilisierung
der DDR nach dem Mauerbau 1961 die Ursache sein. Man konnte auch als
Akademiker nicht mehr in den "goldenen Westen" und richtete sich
auf Studium und Berufsleben im Osten ein.
Dabei verstand es die DDR-Bildungspolitik einerseits eine enge Verbindung
von theoretischer Bildung und praktischer Tätigkeit herzustellen und
andererseits gesicherte soziale und berufliche Perspektiven aufzuzeigen.
Auch an der EOS Werdau lohnte es sich, ein gutes oder sehr gutes Abitur
abzulegen, Studium und Arbeitsplatz waren garantiert. Auf Letzteren wurden
die Schüler in doppelter Hinsicht vorbereitet. Bis zum Abiturjahrgang
1970 absolvierte jeder neben dem Unterricht eine direkte Berufsausbildung,
verfügte also als Absolvent der Schule neben dem Reifezeugnis auch über
einen Facharbeiterabschluss. Über den Patenbetrieb, seit 1949 der VEB
Maßindustrie Werdau, wurden darüber hinaus enge Kontakte zur
industriellen Produktion selbst hergestellt. Seit 1967/68 verzichtete man
auf die direkte Berufsausbildung. Die jetzt eingeführten
Vorbereitungsklassen (Klassenstufen 9 und 10) wurden deutlicher von der
eigentlichen Oberstufe (Klassen 11 und 12) abgetrennt. In der 10. Klasse
unterzogen sich die Schüler jetzt auch der an den polytechnischen
Oberschulen (allgemein übliche 10-Klassen-Schulen, POS) durchgeführten
Abschlussprüfung und konnten mit der "mittleren Reife" ins
Berufsleben überwechseln. Andererseits konnten Schüler mit
entsprechenden Leistungen nach Klasse 10 der POS noch in Klasse 11 der EOS
eintreten. Hier wurden bereits Veränderungen angebahnt, die dann 1979/80
zur Reduzierung der EOS auf die Klassenstufen 11 und 12 führten.
Mit der Schaffung der Vorbereitungsklassen 1967 war auch die Übernahme
des seit 1958 an der POS eingeführten "Unterrichtstages in der
Produktion" bzw. der Fächer "Produktive Arbeit" und
"Einführung in die sozialistische Produktion" sowie
"Technisches Zeichnen" verbunden. In den Klassenstufen 11 und 12
wurde dieser Unterrichtsteil in die "Rahmenprogramme für
wissenschaftlich-praktische Arbeit" überführt. Alle derartigen
Ausbildungen wurden in Betrieben des Territoriums, insbesondere in der
Maßindustrie, im VEB "Wälzlager Fraureuth", dem Kfz-Werk
"Ernst Grube" und dem VEB "Tuchfabrik Werdau",
durchgeführt. In kleineren Gruppen von meist 6-8 Schülern wurden die
Teilnehmer in Weiterführung der primär praktischen Arbeit in den Klassen
9 und 10 jetzt auch mit arbeitsorganisatorischen Problemen und mit
ökonomischen Aspekten der Betriebe konfrontiert.
Spätestens seit 1970 wurden in den Sommerferien sogenannte "Lager
für Erholung und Arbeit" durchgeführt. 14 Tage lang standen für
die Jugendlichen, insbesondere der Klassen 11, täglich 6 Stunden
praktische Arbeit sowie darüber hinaus organisierte
Freizeitbeschäftigungen auf dem Programm. 1970 säuberten sie zum
Beispiel Zuflüsse der Trinkwassertalsperre Cranzahl und schachteten
Kabelgräben am Fichtelberg, unternahmen Busausflüge ins Erzgebirge und
besuchten abends Tanz- oder Kinoveranstaltungen. All das tangierte nur am
Rande ideologische Fragen, obwohl natürlich die "enge Verbindung mit
der Arbeiterklasse" als erziehungstheoretisches Ziel immer im
Hintergrund stand. Für Schüler war neben dem Gemeinschaftserlebnis die
Tatsache interessant, dass sie bei kostenloser Unterkunft und Verpflegung
für ihre Arbeit gut bezahlt wurden. (Da keine Steuern und Sozialabgaben
auf das Entgelt erhoben wurden, entsprach der Stundenlohn etwa dem eines
Facharbeiters.) Durchaus im positiven Sinne kann hier von aktiver Erholung
gesprochen werden, die noch dazu den Effekt hatte, auf das spätere
Arbeitsleben vorzubereiten und dabei die angehende Intelligenz enger an
die körperliche Arbeit band als dies zum Beispiel durch elitäre
Tendenzen der weiterführenden Bildung vorher und nachher der Fall war und
ist.
Dass die EOS aber in erster Linie eine sozialistische Weltanschauung zu
vertreten und künftige Kader eines "Arbeiter- und
Bauernstaates" zu erziehen hatte, wurde im Schulalltag immer wieder
deutlich. Die Lehrpläne, insbesondere in Staatsbürgerkunde und
Geschichte, orientierten auf die führende Rolle der SED,
Parteitagsbeschlüsse wurden wie Bibelstellen zitiert und jeder Ansatz
kritischen Infragestellens vorgegebener Dogmen inquisitorisch verfolgt.
Dabei standen oft formale Äußerlichkeiten im Vordergrund, deren
Bedeutung wohl nur erfassen kann, wer den Sitz der SED-Kreisleitung für
die Burg der heiligen Gralsritter hielt. Jeans galten den "Hütern
der reinen Lehre" als Ausdruck imperialistischer Grundhaltung und
männliche Träger langer Haare wurden in den 60er Jahren zum Frisör
geschickt. Das geschah in Werdau vereinzelt sogar in der Form, dass ein
speziell dafür bekannter Lehrer den Betroffenen aus eigener Tasche das
erforderliche Geld in die Hand drückte. (Was für eine Möglichkeit wäre
das heute, das Taschengeld aufzubessern!)
Bedeutsamer waren aber sicherlich Reaktionen auf politische Ereignisse,
wie z.B. den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten 1968 in die CSSR. Im
Zuge der üblichen verbalen Zustimmungserklärungen zu den Beschlüssen
der Partei- und Staatsführung wurden in den einzelnen Klassen unmittelbar
nach Schuljahresbeginn Anfang September 1968 Stellungnahmen gefordert. Als
die Diskussion darüber in einer 10. Klasse keineswegs das gewünschte
Ergebnis brachte und der Einmarsch mehrheitlich abgelehnt wurde, hatte das
für die Betreffenden aber -im Gegensatz zu den 50er Jahren- keine
weiteren Folgen. Auch eine Ulbricht-Parodie, die ein Schüler 1969 bei
einer Faschingsveranstaltung im Pleißental vortrug, führte nicht zu
dessen Schulausschluss, allerdings begründete man den Vorfall mit
psychischen Problemen des Betreffenden.
Als 1973 einige Schüler eines Morgens bei noch vorhandener Dunkelheit
Neonröhren im Klassenraum locker gedreht hatten und so den pünktlichen
Unterrichtsbeginn verhinderten, war auch hier seitens des Direktors wieder
von "Sabotage" die Rede. Die Bestrafung der
"Missetäter" beschränkte sich aber darauf, sie nicht zu den im
gleichen Jahr stattfindenden Weltfestspielen fahren zu lassen. Neben
verbalen Dogmatismus trat allmählich ein rationaler Pragmatismus, der
Überreaktionen begrenzte.
Von Liberalität und Toleranz blieb die
"Alexander-von-Humboldt-Schule" aber stets weit entfernt.
Besonders deutlich zeigte sich das in der Haltung zum militärischen bzw.
vormilitärischen Bereich. Parallel zu den Remilitarisierungsschritten in
der BRD war mit dem Beitritt der DDR zum Warschauer Vertrag 1955 und dem
damit verbundenen Aufbau der Nationalen Volksarmee endgültig die Barriere
für eine Militarisierung gefallen. Zunächst beschränkte sich diese auf
die bis 30-jährigen Lehrer, die für einen 2-bzw. 3-jährigen Dienst bei
den bewaffneten Organen agitiert wurden. In immer stärkerem Maße wurde
danach die Werbung für den Offiziersnachwuchs unter den männlichen
Abiturienten zu einem der Hauptziele politischer Erziehung. Kontakte zu
Offiziershochschulen, wehrpolitische Foren, Kleinkaliber-Übungsschießen
im Rahmen der GST und Wettbewerbe in militärischer Körperertüchtigung
gehörten zum Schulalltag. Ab 1.9.1978 wurde dann offiziell Wehrunterricht
eingeführt, je 4 Doppelstunden sowie ein Wehrlager bzw. für die Mädchen
ein Lager für Zivilverteidigung wurden für jeden Jugendlichen
obligatorisch. Penetranter war jedoch die schleichende Militarisierung des
Schulalltags. Militärpolitische Aspekte drangen in den täglichen
Fachunterricht ein und formten den äußeren Ablauf. Regelmäßig fanden
Appelle statt. Über den zur Eröffnung des Schuljahres 1970/71
durchgeführten schrieb der Kreisschulrat in seinem Inspektionsbericht:
"Der Appell am 1.9. war vom Gesamteindruck her gut vorbereitet und
durchgeführt (ordentliche militärische Ordnung, Schüler im Blauhemd,
diszipliniertes Bewegen)". Im Bericht über die Kontrolle der
Reifeprüfung 1976/77 durch die Schulinspektion heißt es: "Fragen
der Landesverteidigung und der Zivilverteidigung waren integrierter
Bestandteil in den Prüfungen der Fächer Deutsch, Staatsbürgerkunde und
Biologie", aber auch: "Das Bekenntnis der Schüler zu ihrem
Staat wurde nicht überall sichtbar."
Die Qualität der Arbeit einer Schule wurde in starkem Maße daran
gemessen, wieviele ihrer Absolventen später einen militärischen Beruf
ergriffen und in welchem Umfange staatsbejahende Lippenbekenntnisse
abgefordert wurden. Die Lehrer selbst wurden seit den 70er Jahren, soweit
sie einen Wehrdienst absolviert hatten, regelmäßig zu Reservistentreffen
im Kreismaßstab herangezogen. Ihre Disziplinierung war ein Wesensmerkmal
des DDR-Schulsystems. Wer es an politischem Engagement fehlen ließ, wurde
zumindest in den halbjährigen schriftlichen Rechenschaftslegungen im
Rahmen des pädagogischen Rates der Schule, von dem ein Durchschlag an die
Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises ging, negativ genannt. Dass
dies z. T. nicht ohne Folgen blieb, zeigte sich 1979/80, als durch die
Reduzierung der EOS auf die Klassenstufen 11 und 12 und die damit
verbundene Auflösung der Crimmitschauer EOS ein Lehrerüberhang bestand.
Die ab 1981 allein im Kreis weiter bestehende Werdauer EOS verließen
genau die Lehrer, denen im Arbeitsplan für das Schuljahr 1976/77
"dringliche Veränderungen" im Hinblick auf ihre
gesellschaftliche Tätigkeit angemahnt worden waren- welch ein Zufall!
Neben der Disziplinierung der Lehrer wurden auch die Elternvertretungen
zunehmend zu Instrumenten der Einflussnahme staatstragender Gedanken. Von
den 21 Mitgliedern des Elternbeirates waren 1978/79 z. B. 12 Mitglied der
SED und 2 der Demokratischen Bauernpartei Deutschland, 7 waren parteilos.
So war jederzeit sichergestellt, dass auch die Elternvertretung im
"richtigen Maße funktionierte" und 1979 mit der "Theodor-
Neubauer- Medaille" in Bronze ausgezeichnet wurde.
So blieb die EOS Werdau bis zu den Ereignissen der Wende 1989 ein Hort
"real- sozialistischer Kaderformung". Für Losungen wie
"Schwerter zu Pflugscharen" oder westliche Symbolik jeder Art
war an ihr kein Platz. In den 80er Jahren wurde so kampagnenartig gegen
"imperialistische" Helme (Motorradhelme mit westlichen
Werbeaufdrucken) und ähnliche Tragetaschen "gekämpft". Aber
auch der Slogan: "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen
lernen!", schien, obwohl man auf die Arbeit der DSF (Gesellschaft
für Deutsch- Sowjetische Freundschaft) ansonsten sehr viel Wert gelegt
hatte, nicht die Losung der Werdauer zu sein, seit 1985 Gorbatschow die
"Morgenröte im Osten" verkörperte.
Auch 35 Jahre nach dem Tode des Generalissimus galt an der Werdauer EOS:
"Freundschaft, Genosse Stalin!"
Quelle:
Text: Werner Seifert , "Chronik des Gymnasiums ''Alexander von
Humboldt'' Werdau", Frühjahr 2000
Historische Bilder: Postkartensammlung R. Gebhard, Fraureuth
[Seitenanfang]
|
|